Fußballbegeisterung

Fußball kann begeistern und die Vernunft überflügeln. Warum eigentlich? Denn des Volkes Besessenheit mit dem Sport ist ja letztlich leicht verderbt und schwer bekömmlich. Ist es nicht oft schamlose Propaganda, unsinniger Glaube und ein Instrument für schäbige Zwecke? Wird die Psyche der ganzen Nation nicht geplagt und gedrückt, wenn die Nationalmannschaft zu Hause hoch gegen einen Erzrivalen verliert? Oder wenn der Lieblingsverein wieder einmal , im buchstäblichsten Sinne des Wortes, unter Wert gespielt hat?

Freuen wir uns nicht, heimlich natürlich, wenn der Star des Gegners einen schwachen Tag hat oder verletzt wird? Gieren wir nicht nach Revanche, wenn wir glauben, dass unserer Seite ein Unrecht geschehen ist? Werden wir nicht gemein und rücksichtslos, wenn wir unter dem Einfluss der Fanraserei sind? Fühlen wir das verlorene Spiel unserer Lieblingsmannschaft nicht als persönliche Kränkung, schlimmer, als persönliche Schwäche oder, noch schlimmer, als kosmisches Unglück? Verlieren wir nicht unsere alltägliche Orientierung im emotionalen Schwung des Spiels? Wie beim Einbruch göttlicher Energie hat der Fußball einen possessiven Effekt, einen Effekt, der die Seele bereichern und das Selbst einhüllen und heben kann.

Der Fan

Vor ungefähr hundert Jahren bezeichnete ein (deutschstämmiger) Besitzer der Saint Louis Cardinals die Zuschauer als Fanatiker. Die Abkürzung, Fan, ist inzwischen ein gebräuchiges Wort geworden. Ein Fan ist ein enthusiastischer Anhänger. Der Enthusiasmus des Fanatikers ist oft übertrieben und unkritisch. Die zweite Definition scheint berechtigt, weniger beim Baseball, wo die Fans ziemlich zivilisiert sind, mehr beim Fußball, wo die Definition zwischen Tribüne und Kurve schwankt. Die lateinische Wurzel des Wortes Fanatiker zeigt eine tiefere Bedeutung: zum Tempel des Gottes gehörend; von einer lokalen Gottheit inspiriert sein. Also kann man sagen, dass jemand ein Fan ist, wenn er inspiriert ist und eine tiefe Verbindung zu einer Power, also einem Verein hat, die ihn momentan von den Fesseln des Selbst befreien kann.

Wir alle wollen inspiriert werden. Nur tut die Arbeit, das Muss, um des Lebens Brot zu verdienen, dies meist wenig. Wir können uns zwar selbst innerlich inspirieren, aber diese Fähigkeit ist nur den Introvertierten gegeben. Äußere Inspiration braucht eine Vertretung, eine Vermittlung, eine Agentur - und das ist für viele unser Fußballverein. Er ist eine direkte Antwort auf unsere andauernde gesellschaftliche Tendenz, uns vor der Vernunft zu verbeugen, und unsere Gefühle, Empfindungen und Intuition zu verdrängen und zu mindern. Der Mythos und die Imagination sind nicht sehr gefragt. Sie haben sich in den psychischen Hintergrund zurückgezogen. Himmlische Inspiration wird als irrationaler Wahnsinn oder Dummheit angesehen. Das Wort Fan enthält aber noch eine Verbindung mit unserer mythologischen Vergangenheit. Der Sport, der Fußball, ist das Medium. Der Fußball drückt dies Verlorengegangene aus. Er führt uns in legendäre, mythologische Zeiten zurück. Daher ist er weltweit so voller Power.

Spaß und Ernst

Der Fußball ist so stark und potent, dass er seine eigene, dramatische, oft mythische Sprache braucht, um sich ausdrücken zu können. Die Sprache des Fußballs ist beides, erschreckend und überschwänglich. Humor mäßigt die Großspurigkeit, spiegelt das Absurde und erfreut sich am Lächerlichen. Der Sport ist Spiel. So ist auch die Sprache verspielt. Wie in den Mythen. Denn der Sport ist ein Grenzfall, er pendelt zwischen Spaß und Ernst, außerhalb des gewöhnlichen Lebens. So wie der Mythos, gehört auch das Spiel in den Bereich der Phantasie. Man wechselt von der Welt der Gewohnheit in die Welt der Imagination, als ob sie auch wahr wäre. Man verliert sich so in eine andere Bedeutungsstruktur. Diese Struktur gibt dem Geschehen Verständlichkeit, Zusammenhang, Ausdruck, Vitalität und Werte.

Im Sport übertreibt man. Muhammad Ali, vor seinem großen Kampf gegen George Foreman: "Letzte Woche habe ich einen Felsen ermordet, hab einen Baustein ins Krankenhaus geschickt. Ich bin so gemein, ich mach die Mediziner krank". Im Sport lebt die Mystik noch. Wir reden von den Helden and ihren heroischen Taten in Worten, die an der Grenze von Ernst und Schmerz liegen. Im Sport sehen wir gern in die Vergangenheit. Wir reden von Legenden, von Rekorden, von den goldenen Zeiten, von den Emotionen und Symbolen. Wir erinnern uns an unsere Kindheit. Die Sprache des Sportes ist wie ein Teleskop, durch das wir uns selbst sehen und unsere Erfahrungen auskosten.

Sport braucht den Humor. Humor schützt die Integrität dieser "anderen" Realität und schirmt sie ab vom praktischen Leben. Das Management der Vereine darf diese Sehnsucht nach der mythischen Resonanz, den der Fußball ermöglicht, nicht missbrauchen. Der Mythos muss verstärkt, nicht entkräftet werden. Besser, der innenwohnende Mythos sollte unangetastet bleiben. Entfernen Sie den Mythos, kommt keiner mehr ins Stadion. Denn der Fußball gedeiht von den unvernünftigen Verbindungen, die er hervorruft. Bringen Sie Vernunft in den Fußball, indem Sie viel von AGs, Gewinn und Geld reden, töten Sie ihn. Die Gefühle und Passionen der Fans müssen zwischen den beiden Welten, der wirklichen und der imaginären, hin und her fließen können. Der Wirrwarr, der an der Grenze entsteht, entfacht die Energien, die den Fußball so anziehungsfähig und beliebt machen.

Diesen Mythos, diese Sprache, diese Energien und diese Magie muss erhalten bleiben. Sie, als Manager des Vereins, müssen verstehen, warum der Fußball weltweit die Massen anzieht. Sie müssen daher das Kalte - das Geld, den Umsatz und den Gewinn - aus dem Fußball heraushalten, denn so etwas Reales stört, es zerbricht den Mythos und saugt die Energien auf. Das sollten auch die Reporter wissen, denn auch sie leben vom Fußball.

Mana

Wir können den Sport, insbesondere das Fest der Olympiade und den Marathon, ja bis zu den Griechen zurückführen. Die Griechen sahen den Einzelmenschen als Teil des Ganzen an - der Tierwelt, der Berge, des Himmels. Auf dieser tiefsten Ebene des Bewusstseins haben all diese Dinge einen Zusammenhang. Sie partizipieren ineinander und in der ganzen Welt. Dies ist das Mana Bewusstsein. Für C.H. Jung ist es eine außergewöhnlich effektive Power, ausgestrahlt von Menschen, Objekten, Aktionen, Geschehnissen, sogar von überirdischen Wesen und Geistern. Mana gibt der Psyche die Energie, Sachen und Menschen schauervoll und anziehend zugleich zu machen. Es ist eine Lebensenergie, die alles animiert. Unser Bewusstsein nimmt diese animierte Welt wahr, denn sie steckt tief in uns. Der Sport, durch seine Action, bringt diese vitale Kraft hervor. Menschen glauben dann, dass sie an der Kreativität des Lebens teilnehmen.

Mana betrifft nicht nur den einzelnen Sportshelden. Der Verein und die Stadt sind betroffen. Die Schlachtrufe, Trompeten, Gesänge, Cheerleaders, Maskottchen und Wellen sind Ausdrücke unseres uralten Wesens. Man glaubt, dass Symbole und Magie Einfluss auf das Ergebnis haben, dass sie die Mannschaft mit Energie speisen. Diejenigen waren Helden im alten Griechenland, die durch Taten den gemeinschaftlichen Tümpel der Mana füllten. Heldentaten (Tore erzielen oder verhindern) waren also nicht persönlich. Menschen wurden erst zu Helden, nachdem sie tot waren oder sich zurückgesetzt hatten. Dann ging ihre heroische Energie, ihr Mana, in den Segentümpel der Gesellschaft über. "uns Uwe" ist ein gutes Beispiel. Erst jetzt wird er geehrt und zum Helden der Nation erklärt. Fritz Walter ist es schon. Franz Beckenbauer ist auf dem Weg; er ist noch aktiv seine, und unsere Mana, zu vermehren. Aber, obwohl sie für uns Helden sind oder werden, sind sie in Wirklichkeit Archetypen, Menschen, die dem Urbild des Helden, welcher der Gesellschaft Mana bringt, entsprechen. Es ist nichts persönliches dran. Der Spieler selbst ist nur das Medium, er ist nicht göttlich, nicht überirdisch.

Bedeutung im Leben finden

Die Besessenheit der Menschen mit dem Sport ist symptomatisch für eine Gesellschaft, in der die Einzelmenschen den Sinn für das Leben verloren haben. Wenn das Leben leer ist, veranlasst das Unterbewusstsein uns, unsere tiefsten Gefühle auf Massenveranstaltungen zu projektieren. Man lebt so durch das Kollektiv. Der Einzelmensch projektiert einen Teil seines Lebens auf seine Lieblingsmannschaft oder seinen Lieblingsspieler, um Bedeutung im Leben zu finden. Es ist eine Art Krankheit, eine Krankheit der Zeit, ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Der Sport füllt die Lücke. Dann kommt man aus sich heraus und wird vom Joch der Langweiligkeit und Eintönigkeit des Lebens erlöst. Der Sport belebt so auf vielerlei Weise.

Wenn der archetypische Inhalt der Psyche durch Sport aktiviert wird, treten äußerst starke Gefühle hervor. Viele Spieler erleben ihre leidenschaftlichsten und tiefsten Gefühle durch ihre Beteiligung und Verwicklung mit einem Spieler oder einem Team. Es ist eine laufende, aktive Imagination, durch die alle möglichen psychologischen Phänomene erlebt werden. Es werden so im Fan primitive, uralte Perzeptionen, Benehmensarten und Denkweisen aktiviert, um sein Team gewinnen zu sehen. Emotionale Ausdrucksweisen, die normalerweise im täglichen Leben verboten sind, kommen dann zum Vorschein, einschließlich Ausdrücke von ungezügeltem Hass, Sadismus, Prahlen, Verlächerlichungen und mörderischen Wutanfällen.

Viel des Wahnsinns und der Freude am Sport können so auf das symbolische Wirken im Unbewusstseins zurückgeführt werden. Die Frage an Sie ist: "Wie können Sie, als Manager eines Fußballvereins, die Verbindung der bewussten und unbewussten Teile der Psyche vorteilhaft gestalten und die Zerstörungswut einiger Fans mindern?"

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