Der Lernverein

In einem Lernverein lernt jedes Vereinsmitglied jeden Tag etwas Neues dazu. Nicht jede Woche, jeden Tag! Das trifft besonders auf die Spieler zu. Spieler müssen den Trieb entwickeln - geboren aus tiefster Überzeugung, dass Lernen etwas Wesentliches und Begehrenswertes im Leben ist - sich täglich zu verbessern. Dieser Trieb, diese Ansicht, diese Anschauung sich verbessern zu wollen, muss zum Wesensträger des Vereins werden. Dann kann der Verein nie untergehen, insbesondere, wenn die Konkurrenz schläft und wenig tut. Denken Sie an die vielen, einst ruhmreichen Vereine, die sich heute in den unteren Ligen tummeln. Sie waren damals nicht aufgeklärt, sie wussten wenig und lernten nichts dazu. So ging ihr Stern unter. (So wie auch der Stern von Nationen untergeht.)

Das muss nicht so sein. Wenn ein Verein vor Lernbegierde vibriert, wenn ein jeder, vom Vorstand bis zum Platzwart, täglich dazulernt, wird der Verein stets an seiner obersten Leistungsgrenze spielen. Wenn andere Vereine gleichzeitig wenig dazulernen, kann es dem Lernverein nur gut gehen, auch wenn die finanziellen Mittel begrenzt sind. Wissen ist wichtiger als Geld, denn Geld entsteht durch Wissen. Wer also wenig weiß, kann nicht viel verdienen oder große Erfolge haben. Besitzt ein Verein viel Geld, hat aber geringes Wissen, wird das Geld bald vergeudet sein. Das ist in den oberen Ligen oft der Fall, wie Sie selbst aus Presseberichten oder eigener Hand wissen.

Ungenutztes Wissen

Vereine können von einander und von außen lernen. Was meinen Sie, wie viel Wissen in Ihrem Verein steckt, dass noch nicht angezapft wurde, das also brach liegt? Denken Sie an den Spielkader. Er sitzt brav da, wenn der Trainer etwas erklärt. Also einer, der Trainer, zwingt seine Meinung anderen, dem Spielkader, auf. Dabei weiß fast jeder Spieler etwas, was der Trainer nicht weiß. Multiplizieren Sie dieses ungenutzte Wissen mal 25. So groß ist das vergeudete, nicht herauskommende, in den Spielern steckende Wissen. Dieses nicht genutzte Wissen, ist ein großer Verlust für den Verein. Es hat seinen Ursprung im menschlichen Trieb zur Hackordnung: Ich will, dass du das machst, was ich dir sage. Es ist ein primitiver, tierischer, unlogischer, daher unmenschlicher Trieb. Er ist verantwortlich für schlechtes Spiel.

Beim Aufsichtsrat und Vorstand ist es ähnlich. Hier geht es weniger um die Einzelheiten, als um das Ganze. Aufsichtsräte, die den Verein lenken, wissen oft viel, haben aber wenig Gelegenheit, ihr Wissen an den Verein weiterzugeben. Sie treffen sich selten, denn es gibt ihrer oft zu viele, und sie haben zu wenig Zeit um geben zu können. Der Vorstand hat die Zeit und die Gelegenheit, steht aber oft nicht in enger Verbindung mit den Spielern, mehr mit dem Trainingstab. Es ist die Aufgabe des Vorstands, Wissen von außen in den Verein zu bringen. Vorstandsmitglieder sind die Wortführer des Vereins, sie vertreten den Verein nach außen. Sie suchen die Umgebung nach neuen Möglichkeiten ab, von denen der Verein profitieren könnte. Sie sind das Aushängeschild, die Repräsentanten des Vereins.

Der Trainer und sein Stab stehen in der Mitte, zwischen Vorstand und Spielern. Sein Job sollte es sein, weniger sein eigenes Wissen zu übermitteln (was, wie gesagt, im Verhältnis zu dem Wissen des gesamten Spielkaders oft nicht allzu groß ist), als das Wissen aller zu aktivieren. Das ist aber selten der Fall. Daher ist der Trainer der wunde Punkt im Verein, das größte Hindernis, aus einem normalen Verein einen Lernverein zu machen. Wenn er nicht aufgeklärt ist, kann es keinen Lernverein geben. Wenn er aber seine Rolle wie die eines Dirigenten sieht - der selbst keine Musik macht, das Orchester aber gefühlvoll leitet, damit es schön spielt - hilft er den Spielern, nicht nur durch sich, sondern auch von einander zu lernen. Da gibt es plötzlich 25 Trainer (24 + 1). Dann passiert etwas, dann kommt Dynamik in den Verein. Aber so etwas gibt es noch selten. Welcher Trainer kann das schon, ohne Angst zu haben, seine Autorität und den Respekt der Spieler zu verlieren (was natürlich großer Unsinn ist, denn im Gegenteil, wäre er ein weiser Dirigent, würde ihm vor allem Ehre gebühren). Wenn der Verein obendrein noch Powerfußball spielt, wird der Wissenspegel sich dramatisch erhöhen.

Für einen Lernverein zu arbeiten ist oft so inspirierend und motivierend, dass keiner den Verein verlassen will. Ein Lernverein ist lebendig, er ist organisch, unberechenbar. Er geht mit der Zeit mit, ist oft der Zeit voraus. Dort zu spielen oder Trainer zu sein bringt Spaß und Freude. Ein Lernverein entwickelt eine eigene Vereinsintelligenz, ein großes pulsierendes Gehirn. Er zieht auch die Zuschauer in seinen Bann. Sie werden es lieben, ins Stadion zu kommen, denn das Ambiente und die Aura werden wie eine Droge auf sie wirken.

Umdenken

Vereine, die sich in einen Lernverein transformieren wollen, müssen umdenken. Sie müssen sich laufend fragen: wie können wir das, was wir machen, verbessern? So lernt ein jeder kritisch, aber konstruktiv zu denken. Das kann Spaß machen, denn ein jeder denkt für das Wohl des Ganzen. Dazu gehört ein offenes und ehrliches Vereinsklima, in dem man auch einmal ein Risiko eingehen und Vorschläge machen kann, die eher Versuchsballons sind, vage Ideen, als handfeste Empfehlungen. Möglichkeiten aus den Geschehnissen und von der Erfahrung zu lernen, gibt es täglich.

Die Schwierigkeit ist, die Spieler anfänglich dazu zu bringen, sich nicht nur als Angestellte zu sehen und fühlen, die den Trainer denken lassen und dann die Instruktionen mit halbem Herzen ausführen, sondern mit Hilfe des Trainers die Fähigkeit entwickeln, ihr Vereinsdasein als Lernmöglichkeit anzusehen. So werden die Spieler aktiv. Sie lernen selbst zu denken und das Gedachte anderen zu vermitteln - zum Wohle des Ganzen. Sie lernen, das Gelernte anzuwenden, es zu bewerten, wertzuschätzen und sich dafür verantwortlich zu fühlen, als Einzelspieler und als Mannschaft.

Wenn etwas schief geht, sagt man nicht: "Na ja, nicht meine Sache," und vergisst es. Man fühlt sich verantwortlich. Man will wissen, was schief gegangen ist. Auch verbessert man etwas nicht stillschweigend, man erzählt anderen davon, die entweder mithelfen, nach einer Lösung zu suchen oder die davon lernen, wie andere das Problem gelöst haben. Das Lernen muss also aufgefangen und weitergeleitet werden. Dialog und Nachfrage sind gesucht. Man muss Fragen stellen können, ohne fürchten zu müssen, dafür attackiert oder bestraft zu werden. Man muss Annahmen herausfordern können und den Status quo prüfen dürfen. Das Endziel ist, alles so zu verbessern, dass die Mannschaft auf natürliche Weise, gezwungenermaßen gewinnt.

Fortwährendes Lernen

Fortwährendes Lernen auf dem Spielplatz heißt, dass die Spieler Probleme sofort diagnostizieren und dementsprechend anders spielen. Der Trainer braucht also nicht am Rande des Spielfelds zu tanzen und sich wild aufzuführen. Das Spiel wird so laufend maximiert, dauernd auf die gegenwärtigen Umstände eingestimmt und verändert - ohne den Trainer - weil jeder Spieler denkt, analysiert, nach Alternativen sucht, Entscheidungen trifft und Probleme so beseitigt. Alle sind an dem Prozess beteiligt. Sie kommunizieren viel, oft ohne Worte. Besser sollte das Spiel dann nicht laufen können. Denn elf Menschen, die hellwach sind und blitzschnell lernen, Fehler zu korrigieren und Möglichkeiten zu erkennen und zu nutzen, benehmen sich optimal. Das ist der Geist des Powerfußballs.

Die Rolle des Trainers ändert sich in einem Lernverein. Er wird erst zum Coach, später zum Fazilitator. Er wird nicht mehr als alleiniger Sündenbock hingestellt. Es gibt überhaupt keinen Sündenbock, wenn die Mannschaft Ihr Potential ausspielt. Die Hauptaufgabe des Fazilitators ist es die Power auszulösen, die in der Mannschaft verborgen ist (daher Powerfußball). Das ist eine große neue Aufgabe, aber auch eine große Befreiung und Befriedigung. Der schwere Klotz der Verantwortung für alle Entscheidungen wird mit der Mannschaft geteilt.

Diejenigen Vereine, die die Power des Lernvereins zuerst erkennen und danach handeln, werden sich sichtlich in der Tabelle verbessern. Diejenigen, die wenig oder nichts dazu lernen, werden für immer ins Mittelfeld verdammt sein und um den Abstieg spielen. Wie der Lernprozess im Einzelnen vor sich geht, muss sich im Verein ergeben. Es gibt keine Formel, nur Wege. Aber über das Endergebnis kann man sich im voraus im Klaren sein. Wenn jeder im Verein laufend dazu lernt, und das Gelernte effektiv anwendet, funktioniert es im Verein optimal.

[zurück]