Wie vermittelt man emanzipatorisches Wissen?

Selbst-Wissen und Freiheit vom Zwang sind fundamentale menschliche Ziele.  Jeder Mensch sollte lernen, für sich selbst zu denken; in Frage zu stellen, was man liest und hört; selbstverantwortlich zu werden und zu lernen, wie man mehr lernen kann.  Emanzipatorisches Wissen ist mit dem Powerfußball eng verknüpft.

Emanzipatorisches Lernen findet statt, wenn Spieler sich mit kritischer Selbst-Reflexion befassen.  Das heißt,  sie analysieren ihr persönliches Leben, sie prüfen, wie viel sie wissen, und sie machen sich kritische Gedanken über die Gesellschaft, in der sie leben (und, für ausländische Spieler, wo her sie kommen).  Durch diese Selbstkritik können sie herausfinden, wie sie ihr Wissen noch ergänzen können und ihre Einstellung zum Leben ändern können.  Emanzipation folgt, wenn sie sich Wissenslücken und verzerrter Werte bewusst werden und sich davon befreien.

Sie meinen sicher, dass dieses zu weit führt.  Warum sollen sich Fußballspieler mit diesen Sachen befassen?  Wie hilft es dem Verein?  Ist das Ganze nicht reine Zeitverschwendung?  Vielleicht.  Dieser Prozess kann aber auch sehr wirksam sein, den Spieler von sich selbst befreien, so dass er locker aufspielen kann, und er kann ihn eng an den Verein binden, der ihm dieses freie Denken ermöglichte.  Welcher Verein bietet Spielern schon die Gelegenheit, sich zu einem vollen Menschen zu entwickeln? 

Vier Lehr- und Lernmethoden folgen, die emanzipatorisches Wissen entwickeln:  ein Tagebuch führen, kritisch debattieren,  kritische Fragen stellen und sich durch Metaphern analysieren.

Ein Tagebuch führen

Schlagen Sie den Spielern vor, ein Tagebuch zu führen.  Das gibt den Spielern eine Gelegenheit, den Fortschritt ihrer Karriere zu verfolgen und analysieren.  Das wird sie selbst (und ihre Kinder) noch Jahrzehnte später interessieren.  Sagen Sie den Spielern Folgendes:

„Hinterlassen Sie einen Beleg Ihrer Karriere.  Fangen Sie an, ein Tagebuch zu schreiben.  Sie selbst, Ihre Kinder und Freunde werden später, wenn Ihre Fußballkarriere vorüber ist, gerne einmal hineinschauen.  Sie sehen dann die Vergangenheit, wie sie wirklich war.

In der Zwischenzeit haben Sie die Möglichkeit durch Ihr Tagebuch zu lernen und somit ein besserer Spieler zu werden.  Sie können, zum Beispiel, täglich unter zwei Kategorien Einträge machen:  was passiert ist (so war es:) und was Sie darüber denken (meine Gedanken dazu).  Stellen Sie sich vor, was da im Laufe der Zeit zusammenkommt:  Alles über Ihr Fußballleben.  Vielleicht können Sie es sogar veröffentlichen.“

Beispiel eines Eintrags:

So war es:  Heute Nachmittag haben wir eine Standardsituation geübt:  Freistöße von ungefähr 20 Metern vor dem gegnerischen Tor.  Jeder von uns hatte drei Gelegenheiten zu schießen.  Ansonsten standen wir in der Mauer.  Danach hat uns der Trainer dazu angehalten, diese Freistöße im Kopf zu trainieren.  So hundert Mal am Tag, sagte er, für drei oder vier Tage.

Meine Gedanken dazu:  Ich habe herausgefunden, dass ich kein guter Freistoßspezialist bin.  Keiner meiner Schüsse ist ins Tor gegangen:  einer wurde von der Mauer abgeblockt, einer ging über das Tor, nur der dritte war gefährlich:  er ging knapp am Pfosten vorbei.  Wir scheinen überhaupt niemanden in der Mannschaft zu haben, der diese Freistöße regelmäßig in Tore verwandeln kann.  Es ist ein Schwachpunkt in der Mannschaft.  Wir sollten es viel öfter üben.  Wir sollten überhaupt viel mehr üben, aufs Tor zu schießen.  Kein Wunder,  dass wir so wenig Tore erzielt haben.  Ich werde es jedenfalls auf meinen abendlichen Spaziergängen im Kopf üben.  Mal sehen, wie sehr ich mich verbessern kann.

Wie profitieren Sie als Trainer von den Tagebüchern Ihrer Spieler?  Durch das Tagebuch lernen Ihre Spieler, ganz allein, ohne Ihre Einwirkung.  Das Tagebuch macht daher Ihre Aufgabe leichter.  Durch das Tagebuch werden Sie effektiver, ein besserer Trainer.

Auch werden Sie durch Tagebücher viele Trainings- und Veränderungsvorschläge erhalten.  Ein Tagebuch kann Dynamik in den Verein bringen.  Alles wird aufgeschrieben.  Über alles wird nachgedacht.  Also sind Sie nicht der einzige, der sich über den Verein Gedanken macht.  Alle Spieler sind daran beteiligt.   Sehen Sie den Unterschied?  Wenn Sie diese aufkeimende Energie richtig lenken und nutzen (und das ist nicht leicht!), kann der Verein enorm profitieren.

Kritische Debatten auslösen

Kritische Debatten, werden Sie sagen.  Soll ich vielleicht mit meinen Spielern debattieren?  Ja, ist die Antwort, aber nur dann, wenn die Spieler dazu bereit sind.  Kritisch debattieren und Fragen stellen sind das i-Tüpfelchen Ihres Trainingsprogramms.  Es kommt ganz am Ende, wenn alles bestens läuft, wenn Sie und die Spieler eng zusammengewachsen sind.  Kritische Debatten und kritisches Fragenstellen sind zwei Methoden der kritischen Reflexion.  Hier werden Annahmen überprüft und neue Perspektiven gewonnen.  Debattieren bringt Spaß.  Die Spieler werden voll bei der Sache sein.

In kritischen Debatten nehmen Ihre Spieler eine Position ein, mit der sie nicht übereinstimmen!  Wiederholung:  mit der sie nicht übereinstimmen.  Hier sind sie also gezwungen, gegen ihre eigene Einstellung zu argumentieren.  Wie macht man so etwas?  Hier ist eine kurze Anleitung:

  • Fragen Sie die Spieler, was sie von der 4-4-2 Taktik halten.  Alle, die dafür sind, gehen auf eine Seite; alle, die dagegen sind, gehen auf die andere Seite.
  • Sagen Sie den Spielern jetzt, dass sie für den Standpunkt sprechen sollen, den sie nicht halten.
  • Geben Sie Gründe und Vorteile für diesen Aktionskurs:  z.B., dass sie so die entgegengesetzte Einstellung besser verstehen können.
  • Setzen Sie die Zeitbegrenzung von, sagen wir, einer Stunde.
  • Bilden Sie zwei Teams: eines (die gegen die 4-4-2 Taktik sind), das den Standpunkt verteidigt, ein anderes (die für die 4-4-2 Taktik sind, das ihn kritisiert.  Geben Sie jedem Team genug Zeit sich vorzubereiten.
  • Geben Sie jedem Team 5 order 10 Minuten um ihre Argumente zu präsentieren.
  • Geben Sie jedem Team 5 oder 10 Minuten um die Argumente der Gegenseite zu widerlegen.
  • Nach der Debatte ermutigen Sie die Teilnehmer, ihre Eindrücke zu schildern:  „Wie fühltet ihr euch, Ideen und Werte zu verteidigen, die ihr selber nicht habt?“

Sie werden erstaunt sein, mit welchem Elan Spieler Ihre Positionen vortragen, auch wenn sie mit diesen Positionen nicht übereinstimmen..  Daher müssen Sie vorsichtig sein, wenn die Spieler „wieder aufwachen“ und plötzlich im Zwiespalt sind, denn sie haben sich mit Überzeugung für eine Sache ausgesprochen, an die sie eigentlich gar nicht glauben.  Da brauchen Sie ein wenig Geschick, um das zu handhaben.  Auf jeden Fall werden alle Spieler offener für entgegengesetzte Meinungen werden.  Sie werden vorsichtiger in ihrer Kritik sein, weil sie plötzlich zwei Seiten sehen.

Kritische Fragen stellen

Wenn Spieler dazu gebracht werden können, im Verein kritische Fragen über verschiedene Aspekte des Fußballs zu stellen, und dann nach Antworten zu suchen, nutzt das dem Verein.  Denn viele der Angewohnheiten, der Gepflogenheiten und der Gebräuche kommen aus der Vergangenheit.  Sie sind wohl noch nie kritisch geprüft worden.  Hier sind einige Beispiele:

  • Warum trainieren wir nur am Nachmittag (Vormittag, Montag. Etc.)? 
  • Warum trainieren wir alle das Gleiche?
  • Sollten wir mehr mental oder mehr physisch trainieren?
  • Warum kommen die Bankspieler nicht öfter zum Einsatz?
  • Warum bekommen die jungen Spieler nicht öfter eine Chance zu spielen?
  • Warum können wir eigentlich kein vernünftiges Passspiel zustande bringen?
  • Warum nutzen wir die freien Räume nicht?
  • Warum schießen wir nicht mehr Tore?
  • Warum machen wir es dem Gegner so leicht, Tore zu schießen?

Die Liste ist unendlich.  Jede Frage ist potentiell explosiv.  Sie müssen sich also sehr selbstbewusst und sicher fühlen, bevor Sie kritische Fragen stellen.  Denn was machen Sie, wenn alle Spieler etwas befürworten, das gegen die Gewohnheit oder Ihr Denken geht?  Die Atmosphäre muss also entspannt und stützend sein.  Der Ton sollte gesprächig und ungezwungen sein. 

Auch sollten die Fragen nicht nur an den Trainer und den Verein gerichtet sein.  Allgemeine Fragen sind nur ein Auftakt.  Die Spieler sollten dazu angehalten werden, sich gegenseitig zu befragen:

  • Obwohl wir nebeneinander spielen, spielst du mir nur selten den Ball zu.  Warum?
  • Du bist unser Torwart.  Warum schreist du uns laufend an, wenn etwas schief läuft?
  • Warum stehst du so oft im Abseits?
  • Weißt du, dass deinetwegen unsere Abseitsfalle nicht klappt?
  • Theoretisch sollte ich dir den Ball zuspielen.  Aber du läufst dich nie frei.  Warum eigentlich nicht?
  • Ich versuch die Eckbälle auf deinen Kopf zu zirkeln.  Aber das klappt fast nie.  Warum nicht?

Das eventuelle Ziel der kritischen Fragestellung ist, das Spieler sich selbst befragen.

  • Warum spiele ich manchmal so schlecht?
  • Wie kann ich ein besserer Verteidiger werden?
  • Warum können mich falsche Schiedsrichterentscheidungen so aufregen?
  • Warum habe ich mitten im Spiel immer eine müde Phase?
  • Warum bin ich immer so angespannt?  Wie kann ich locker und entspannt werden?
  • Warum kann mich der Gegner manchmal richtig einschüchtern?

Wenn man im eigenen Verein kritisch wird, kann es interessant werden.  Es kann sich „etwas tun“.  Wenn jeder im Verein kritisch ist und sich und die „Fußballsache“ dadurch laufend verbessert, kann der Verein nur profitieren.  Es ist dann so, als ob nicht nur ein paar Gehirne – die des Trainers und Geschäftführers zum Beispiel – für den Verein denken, sondern alle Beteiligten, auch der Platzwart.  Das erzeugt eine enorme Energie, die Berge versetzen kann, wenn sie richtig gesteuert wird.

Eine Metapher Analysis leiten

Eine Metapher ist ein bildlicher Ausdruck.  Durch Metaphern können Sie die Spieler dazu bringen, unbewusste Werte und Ansichten preiszugeben. Sie fragen die Spieler sicher öfter, was sie denken und bekommen wohl meist keine zufriedenstellende Antworten.  Machen Sie aber von einer Metapher Analysis Gebrauch, werden Sie in kürzester Zeit wissen, was Spieler wirklich  (deep down) denken.  Hier ist ein Beispiel:

Schreiben Sie auf ein großes Blatt Papier: 

Die Ehe ist... 

Ermutigen Sie die Spieler dann, bildliche Ausdrücke für die Ehe zu finden: 

ein Gefängnis, ein Hafen, ein Zufluchtsort, ein Puzzle, ein Zirkus, ein Picknick, eine Pizza...

Wenn die Spieler das Spiel einmal kennen, werden Sie schnell Freude daran finden. 

Jetzt schreiben Sie auf ein anderes Blatt, was Sie betrifft: 

Die Mannschaft ist... 

Nehmen wir einmal an, Sie bekommen die folgenden Metaphern: 

ein Haufen, ein kalter Ofen, ein Zirkus, eine Anstalt, eine Zumutung, wie kalter Tee, eine offene Wunde... 

Wäre das nicht furchtbar?  Diese Metaphern sagen Ihnen, dass die Spieler nicht viel von der Mannschaft halten.  Besser gesagt, in den Augen der Spieler ist die Mannschaft ein Desaster.  

Nun nehmen wir einmal an, dass die Spieler die folgenden Antworten geben: 

ein Schiff, ein Nest, ein Team, eine warme Stube, eine Freude, ein Zuhause, eine Kameradschaft, eine Einheit, ein Traum...

Dann wissen Sie, dass es besser nicht geht, denn die Spieler haben eine sehr hohe Meinung von der Mannschaft.  Alles läuft bestens.

Um die Übung abzuschließen, teilen  Sie die Spieler in Paare auf.  Die Aufgabe ist, die Metapher „auszupacken“, also zu analysieren und zu befragen.  Um auf das Beispiel der Ehe zurückzukommen, das Wort Picknick als Metapher könnte bedeuten, dass der betreffende Spieler die Ehe als kurzfristigen Spaß oder als eine fortwährende und glückliche Zeit ansieht. 

Auf die Metapher Analyse können Sie dann aufbauen.  „Okay.  So seht ihr die Sache. Wie können wir sie verbessern?“  Je mehr Erfahrung Sie mit Metaphern haben, um so mehr können Sie von dieser Analyse profitieren.

 

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