Jeder ist anders! Implikationen für den Trainer

Ist jeder anders?  Ja.  Wir brauchen nur an Fingerabdrücke, Ohrenabdrücke, Zehenabdrücke, DNA Analysen oder an Tausende anderer Unterschiede zu denken.  Oder denken Sie an das Gehirn!  Jeder Mensch hat ein anders strukturiertes Gehirn.  Denken Sie noch weiter, an den Inhalt des Gehirns, an die Milliarden Zellen und Synapsen und die Energieschwingungen zwischen den Vielfältigen Verzweigungen und Schaltkreisen.  Können zwei Gehirne überhaupt den gleichen Inhalt haben?  Niemals!  Jeder Inhalt ist einzigartig.  Keiner kann einen anderen Menschen daher voll verstehen.  Es ist nicht möglich.

Wenden wir diese tiefgreifende Erkenntnis einmal auf den Fußball an.  Sie sind der Trainer.  Wie sollten Sie Ihren Spielern dann etwas beibringen?  Jetzt kommt noch die deutsche Sprache hinzu.  Wenn einige Spieler nicht gut deutsch kennen, und aus einer ganz anderen Kultur kommen, ist es äußerst schwierig ihnen das, was Sie im Kopf haben, zu vermitteln.  Daher sind Sie nicht effektiv.  Ja, Sie können gar nicht effektiv sein!  Es ist ein Unding.  Selbst ausgezeichnete Lehrer an Schule und Uni haben große Schwierigkeiten sich bei ihren Schülern verständlich zu machen.  Was der Lehrer/Trainer sagt, ist wahr und klar für ihn, aber  für keinen anderen.  Wenn Sie auf dem Spielfeld taktische Züge erklären, können Sie sicher sein, dass es niemand so mitbekommt, wie es in Ihrem Gehirn verankert ist.  Wie sollen Ihre Spieler dann etwas lernen?  Selbst wenn Sie etwas einfaches erklären, versteht jeder das, was Sie sagen, etwas anders.  Perfekte Kommunikation ist unmöglich!

Lernen, anders zu denken

Was sollten Sie daher als Trainer machen?  Alles umdrehen.  Anstatt etwas zu sagen, fragen Sie:  „Wie können wir hinten besser stehen, um Gegentore zu vermeiden?“  Jetzt aktiveren Sie die individuellen Gehirne des gesamten Spielkaders!  Aufgeregtes Geschnatter der Spieler.  Jeder hört den anderen Spielern zu und ändert seine Meinung ein wenig, wenn er etwas hört, was besser ist als sein eigenes.  Es wird dauern, aber eventuell kommt eine Synopsis mit individuellen Abweichungen dabei heraus, dem alle Spieler zustimmen können.  „So sollten wir es machen“, ist dann der Konsens.  Sehen Sie die Power des Satzes:  Alles muss von den Spielern kommen?“ 

Wenn Sie Astrophysik unterrichten, müssen Sie verschiedene Sachen vorher erklären, bevor sie überhaupt Fragen stellen können.  Das ist okay.  Aber sie sollten Ihre Schüler, auch wenn sie einmal die Grundlage haben, trotzdem fragen.  Nur so können Sie effektiv lehren.  Davon wissen Lehrer und Professoren leider überhaupt nichts.  Im Fußball ist die Sache einfacher, denn es gibt eigentlich für Sie nichts zu sagen:  alle kennen den Fußball, selbst die kleinsten Piefkes wissen, worum es geht. 

Also, was sollten Sie als Trainer sagen?  Nichts!  Das ist das Geheimnis eines effektiven Trainers.  Sie stellen, wie Sokrates es schon vor zwei Tausend Jahren erkannt hat, Fragen.  Diese Fragen lösen dann in den verschiedenen Gehirnen der unterschiedlichen Spieler verschiedene Verständnisprozesse ab.  In anderen Worten, jeder Einzelne versucht aus Ihrer Frage für sich Sinn zu machen, Bedeutung zu sehen, und das als bedeutend befundene mit dem eigenen Gehirnmuster in Einklang zu bringen. 

Denn, Sie müsse zugeben, dass Sie, obwohl Sie 200 Länderspiele absolviert haben, im Grunde nichts davon gelernt haben.  Wer lernt schon aus der Routine, wenn es überhaupt etwas daraus zu lernen gibt?  Wenige.  Nehmen wir an, Sie spielten linker Verteidiger.  Sie deckten eng, fuhren dem Gegenspieler immer hart in die Knochen, und stießen ab und zu mit nach vorn vor.  Trifft Ihr Verhalten auf andere zu?  Auf wenige.  Andere linke Verteidiger spielen anders und sind auch erfolgreich.  Kurz gesagt, wenn man am Ende seiner Spielerkarriere Trainer wird, hat man letztlich nicht viel zu lehren.  Daher sollten Sie auch nicht versuchen, den großen Experten zu spielen.  Sie wissen weitaus weniger, als das Gros der Spieler.  Folgerichtig sollten Sie sich als Trainer ganz anders orientieren und benehmen.  Ich nenne die neue Rolle „Fazilitator“, anstatt Trainer.

Ihre Aufgabe sollte sein, die 20 Gehirne des Spielkaders in ein Supergehirn zu verwandeln!   Was Sie selber denken, ist unwichtig.  Vergessen Sie es, es bringt nichts, es weiter vermitteln zu wollen.  Sie werden damit wenig Erfolg haben.  Sie müssen die Fähigkeit entwickeln, die Wissensstücke der Spieler erst einmal bewusst machen zu können, und sie dann zu einem größeren Gefüge zusammenzuschalten.  Das Supergehirn ist das Teamgehirn.  So erzeugen Sie Flüssigkeit im Spiel, denn alle denken ähnlich, benehmen sich wie abgesprochen, wissen, was sie beim Angriff und bei der Verteidigung zu tun haben, wissen wie und wann sich ihre Mitspieler freilaufen, etc.

Mythen

So werden Mythen zerstört.  Dass ein Trainer hart sein muss.  Dass der Trainer sich allein fühlt.  Dass man Distanz zu den Spielern halten sollte.  Dass man keine Freundschaften mit Spielern eingehen soll.  Dass man mit den Spielern so order so umgehen muss.  Dass man sich als Trainer an das Genörgel der Spieler gewöhnen muss.  Dass Disziplin Erfolg bringt.  Dass man das Gefühl haben muss, etwas falsch gemacht zu haben, wenn die Spieler einen loben.  Dass man aus den Spielern das Maximale herausholen muss.  Das kein Mensch freiwillig Höchstleistungen bringt.  Dass der Trainer nur anfänglich eine starke Position hat, die dann mit der Zeit abnimmt.  Dass man Druck braucht, um Erfolg zu haben.  Dass Trainer stark sein müssen, damit auch die Mannschaft stark sein kann.  Dass der Trainer von Spiel zu Spiel in Frage gestellt wird.  Dass der Trainer im Zentrum der Kritik steht.  Dass man als Trainer die Spieler periodisch kräftig schälten muss.  Etc., etc. 

Es gibt kein Ende dieser Vorstellungen.  Sie sind allesamt unsinnig, um ein mildes Wort zu gebrauchen, schwachsinnig, ja pure Idiotie!  Gute Trainer sind gute Lehrer.  Nur sind gute Lehrer sehr rar, daher ist es mit den Trainern nicht viel anders.  Die meisten Lehrer lehren ebenfalls, wie Trainer, das, was sie im Kopf haben, in der falschen Annahme, dass andere so sein müssten wie sie selbst, um okay und intelligent zu sein.  Daher die unendliche Plackerei in den Schulen und and den Unis.  Etwas zu lernen wird, jedenfalls in Deutschland, mit harter, unangenehmer Arbeit verbunden.  Ohne Freude, ohne Interesse, ohne Respekt.

Also, Herr Trainer, denken Sie um.  Dann wird Ihr Job Ihnen viel mehr Spaß bringen.  Dann vermeiden Sie das Trainer Karussell.  Dann bleiben Sie für lange Jahre bei einem Verein.  Dann verschmelzen Sie und Ihre Spieler sich derart, dass weder den Spielern noch Ihnen es in den Sinn kommt, zu wechseln.

Vorstand

Wenn auch der Vorstand so denkt und handelt, verschmilzt der ganze Verein zu einer echten Einheit, Concordia, Spielvereinigung, Eintracht, Union.  Diese Worte wurden früher klug gewählt.  Heute sind sie leere Phrasen, ohne Bedeutung. 

Mit wem verkehrt der Vorstand?  Im Moment schikaniert er den Trainer.  Es kommt dem Vorstand nie in den Sinn, dass, sollte der Trainer ineffektiv sein, sie ja wohl einen Fehler gemacht haben, nämlich diese Trainer einzustellen.  Daher sollten Sie eigentlich zurücktreten.  Im Fußball, wie in der Wirtschaft, werden die Untergebenen rausgeworfen.  Die „Bosse“ kennen sich so wenig, oder sind so von sich selbst überzeugt, dass es ihnen nicht in den Sinn kommt, sich selbst als Schuldigen zu sehen und wegen Unfähigkeit zurückzutreten.  Der Widersacher des Aufsichtsrates ist der Vorstand.  Der Widersacher des Vorstands ist der Trainer.  Die Widersacher des Trainers sind die Spieler.  Wie Sie sehen, und was Sie wohl bestätigen können, gibt es im Fußball, einem Teamsport, nur Widersacher.  Von Concordia ist nichts zu sehen.  Auch ist der Satz:  „Ich trete nicht zurück!“ ein oft gehörter, eigentlich unverschämter, aber geläufiger Satz, auch in Industrie und Handel, besonders in der Politik.  Ich bin makellos, die anderen sind Schuld, ist die Annahme   Diese Einstellung zeigt von der Selbstherrlichkeit und Großkotzigkeit unserer heutigen Manager.  Schlimmer, meist setzen sie ihren Willen durch und bleiben; keiner wagt es, sie beim Kragen zu packen und rauszubugsieren.  Die Deutschen, an Gehorsam gewöhnt, wohl auch aus Angst vor Konsequenzen, lehnen sich nicht auf und lassen sie gewähren.

Der Schlendrian im Fußball stammt von der total falschen Mutmaßung, dass man Geld für Stars ausgeben muss, dass der Erfolg total vom Geld abhängt.  Hätten wir mehr Geld, ist die These, würden wir mehr Spiele gewinnen.  Eine irrige Annahme.  Wie werden Menschen denn zu Stars?  Indem sie von morgens bis abends üben.  Und welcher deutscher Verein tut das schon?  In der Amateurliga wird nach der Arbeit für eine Stunde trainiert.  In der Regionalliga ist es ein wenig mehr.  In den Bundesligen ist es wieder ein wenig mehr.  Nur hilft das Wenige nicht.  Zehn bis zwölf Stunden am Tag muss trainieren, um erstklassig zu werden.  Aber so ein intensives Training gibt es in Deutschland nicht.  Warum nicht?  Weil die Vereine dazu nicht fähig sind.  Vom Lehren und Lernen verstehen sie fast nichts. 

Das meiste von dem, was beim Training vor sich geht, führt zu nichts.  Über Böcke zu springen, um Kegel zu dribbeln, mit dem Ball am Fuß zu rasen – und noch Hunderte von anderen Übungen – bringen nichts.  Im Powerfußball wird nicht gesprungen, keiner dribbelt, keiner rast mit dem Fuß am Ball.  Ich würde schätzen, dass 90% des Trainings ineffektiv ist.  Sonst würde man am Wochenende Verbesserungen sehen.  Die gibt es aber nicht.  Alle Mannschaften spielen das gleiche, langweilige, voraussehbare, einfallslose Spiel, Woche für Woche, Jahr für Jahr.

Das Argument, dass man Geld bräuchte, um bessere Spieler einzukaufen, ist falsch und nutzlos.  Ein Verein muss durch ein ausgezeichnetes Trainingssystem seine eigenen Klassespieler produzieren.  Nur können sie das nicht, weil sie nicht wissen wie man das tut.  Das trifft nicht nur auf Spieler zu, sondern insbesondere auf Trainer, die ja dieses Wunder, aus jungen Spielern Weltklassespieler herzustellen, verbringen sollen.  Die DFB Lehrgänge scheinen überhaupt keinen Impakt zu haben; ob man diesen Lehrgängen beiwohnt oder nicht, sollte aufs Gleiche kommen. 

Es hilft nur eine Revolution.  Alles muss in Frage gestellt werden.  Insbesondere der DFB muss sich fragen, warum man mit einer Mitgliedschaft von über sechs Millionen Spielern keine anständige Mannschaft auf die Beine stellen kann.  Und nehmen Sie bitte den glücklichen Ausgang der Weltmeisterschaft nicht als Maßstab:  dort spielten, aus meiner Sicht, alle Mannschaften gleich schwach.  Keine Klasse, weit und breit.  Gut nur, dass die Zuschauer es nicht gewohnt sind, erstklassige Spiele zu sehen.  So haben sie keinen Maßstab und können nicht urteilen.  Hätten Sie mehr Urteilsvermögen, würden sie mehr pfeifen und weniger jubeln. 


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