Verhalten während des Spiels

Hier spricht drei Mal der gleiche Trainer: wie er Sachen gestern gemacht hat, wie er sie heute macht und wie er sie in Zukunft machen wird. Es spricht ein Trainer, der mit der Zeit geht, der den Zeitgeist erfasst hat und sich anpasst. Es spricht ein Trainer, der lernfähig ist, der es natürlich findet, dass Menschen im Laufe ihres Lebens dazulernen und sich dementsprechend verändern. Sie befreien sich aus Beschränkungen und erreichen neue Plateaus. Sie werden bewusster und geben alte Angewohnheiten gern auf, wenn sie neue, wirkungsvolle Möglichkeiten sehen.

Gestern

Ich traf alle Entscheidungen. Ich bestimmte, wer kam und wer gehen musste. Der Vorstand stand voll hinter mir. Sie dachten wie ich. Deshalb hatten sich mich geholt. Die Hierarchie war klar. Ich saß hinterm Steuer, ich fuhr den Wagen. Während der Mannschaftstreffen redete ich. Die Spieler hielten den Mund. Was hatten sie schon zu sagen? Die deutschen Spieler waren meist zu jung, die wussten noch nichts. Die Ausländer konnten sich nicht verständigen. So dachte ich für sie. Schließlich denke ich gern. Pläne zu machen und Sachen zu organisieren sind meine Stärke. Wenn ich mir eine Taktik ausdenke, ist es schon die richtige Taktik. Schließlich hatte ich für lange Zeit darüber nachgedacht. Wer denn sonst? Doch nicht die Spieler. Die standen doch nur herum und warteten auf meine Anweisungen. So sagte ich jedem, was ich von ihm erwartete. Kämpfe bis zum Umfallen, hab ich ihnen gesagt.

Das Training plante ich, auch die Einzelheiten. Schließlich war ich der Trainer. Sonst passiert ja nichts auf dem Rasen. Jeder bekam eine Kopie des Trainingsplans. Für die ganze Saison. So wussten sie, woran sie waren. Den Plan hielt ich ein, egal, ob Regen oder Sonnenschein. Die Spieler waren alle immer in guter körperlicher Verfassung. Dafür sorgte ich. Ich erwartete immer vollen Einsatz. Die waren mitunter körperlich ganz schön fertig, nach dem Training insbesondere. Die habe ich richtig geschlaucht. Warum auch nicht? Für ihr Gehalt wollte ich Leistung. Kein anderer Verein trainierte härter als wir. Wer sich besonders hervortat beim Training, spielte am Samstag. Das wussten die Spieler. Da spielte jeder gegen jeden. Wenn einer einmal Mist baute, z.B., zu spät zum Training kam, wurde er bestraft. Eine Mannschaft muss schließlich Disziplin haben. Da kann nicht jeder kommen wann er will und tun was er will. Die Spieler meuterten zwar ab und zu, aber sie gaben am Ende immer klein bei. Sie hatten ja auch keine Wahl. Wer will denn schon immer auf der Bank sitzen? Die hatte ich gut im Griff. Die taten, was ich ihnen sagte.

Heute

Ich bin milder geworden. Wohl, weil ich ein wenig dazu gelernt habe. Früher habe ich alle Entscheidungen getroffen. Heute versuche ich, die Spieler mit einzubeziehen. Zum Beispiel beim Training. Wir haben heute in Gruppen trainiert, und ich habe in jeder Gruppe einen Spieler ausgesucht, der das Training leitet. Ich habe also delegiert. Es ging gut. Um ehrlich zu sein, hätte ich das Training geleitet, wäre es nicht so gut gelaufen. Ich werde das bald auch für andere Dinge machen, diese Delegation. Ich muss mir nur die richtigen Spieler aussuchen, einige können besser das Kommando übernehmen als andere. Wir haben heute auch über die Einstellung zum Schiedsrichter gesprochen. Was man "das Mentale" nennt. Es ergab eine gute Diskussion. Die Spieler kamen zu dem Schluss, dass es sich nicht lohnt mit dem Schiedsrichter anzulegen. Sie wollen sich künftig nicht mehr beschweren. Vielleicht sollte ich das auch einmal mit anderen Einstellungen versuchen, zum Beispiel, was wir tun sollten, wenn ein Spieler zu spät zum Training kommt oder, etwas ganz anderes, was man tun könnte, wenn man kein Selbstvertrauen hat. Da gibt es sicher noch mehrere Probleme, die wir durchsprechen sollten.

Es fällt mir aber mitunter schwer, nicht mit der Faust auf den Tisch zu schlagen. Das dauert alles sehr lange, wenn die Spieler etwas selbst bestimmen sollen. Da reißt mir oft der Geduldsfaden. Das könnte ich selbst viel schneller entscheiden. Aber da müssen sie wohl durch, die Zeit muss ich ihnen wohl geben. Denn wenn sie endlich einmal etwas beschließen und alle übereinstimmen, tun sie das auch, ohne dass ich etwas sagen muss. Das gibt mir wohl zu denken. Wenn man seine Autorität aufgibt, seine Macht, tut das schon weh. Dann hat man ein komisches Gefühl, als ob man etwas verloren hat. Man glaubt dann, man müsste selbst etwas tun. Ich will immer dazwischen fahren und ihnen sagen, wo es lang geht. Aber das wäre nicht gut, das weiß ich. Nur juckt es mir in den Gliedern, ich bin angespannt und kann mich kaum beherrschen. Aber ich sollte nichts sagen, das weiß ich. Ich werde auch nichts sagen, obwohl es mir schwer fällt. Es ist nur nicht leicht, die Autorität und Kontrolle aufzugeben. Zurückzugeben, sozusagen. Nur bin ich ja immer noch verantwortlich. Mein Kopf liegt auf dem Block. Aber die Spieler treffen alle Entscheidungen. Eigentlich sollten ihre Köpfe auf dem Block liegen. Ich muss mich daran gewöhnen, wenig zu sagen und trotzdem verantwortlich zu sein. Das Gute ist, ich habe plötzlich mehr Zeit, andere Sachen zu machen. Die Spieler haben mehr und mehr Verantwortung, und ich habe mehr und mehr Zeit. Ein seltsames Gefühl. Gewöhnungsbedürftig. Aber tief in meinem Inneren weiß ich, dass es so richtig ist.

Morgen

Ich habe vom Powerfußball gehört. Das ist ja eine ganz andere Art zu spielen und zu trainieren. Das gefällt mir. Den Powerfußball will ich bei uns einführen, allmählich. So will ich versuchen ein Supercoach zu werden. Ich werde versuchen, die Spieler so zu führen, dass sie sich selbst führen können. Die Spieler sollen ihre eigenen Ziele setzen. Ich weiß inzwischen, dass diese höher sein werden, als wenn ich sie setzen würde. Sie sollen lernen, ihre Spiele selbst zu analysieren und aus ihren Fehlern zu lernen. Sie sollen, basiert auf eine gemeinsame Spielanalyse, ihre eigenen Trainingspläne aufstellen. Hauptsächlich Einzeltrainingspläne, denn diese passen am besten zum Powerfußball, denn hier ist jeder selbstverantwortlich. Ich ahne langsam, dass die Spieler eigentlich zusammen viel mehr wissen als ich. Dieses Wissen muss ich ihnen entlocken, zum Wohl der Mannschaft. Auch muss ich mehr im Seminarraum arbeiten, denn ich beginne zu begreifen, dass der Fußball durch den Kopf gespielt wird, obwohl er Fußball heißt. Ich weiß jetzt, dass das Mentale die Hälfte des Ganzen ausmacht. Nicht nur beim Training, auch bei all den verschiedenen Einstellungen und Ansichten, die notwendig sind, um ein Topteam zu werden. Als Supercoach werde ich auch versuchen, die Spieler dazu anzuhalten, sich laufend zu verbessern. Das heißt, wir werden uns von jetzt an beim Training auf das Wesentliche konzentrieren. Das NAVA System wird uns dabei helfen. Ich hatte keine Ahnung, dass mentales Training so powervoll sein kann. Auch müssen wir ein enges Team werden, denn wir müssen uns gut verstehen können, wenn wir mit elf Mann angreifen und dann blitzschnell mit elf Mann verteidigen wollen. Da müssen wir uns bestens verstehen. Das Team muss für sich selbst verantwortlich werden. Das tun sie eigentlich schon. Ich bin erstaunt zu sehen, dass unsere Betonwand, wo wir das Tor aufgemalt haben, von früh morgens bis spät abends in Betrieb ist. Das läuft wirklich gut. Auch im Seminarraum läuft es bestens, nicht nur bei dem taktischen Training, auch bei fast allen Themen, die wir diskutieren. Den Effekt bemerkt man auf dem Spielfeld.

Ich will von jetzt an für unsere Spieler der Schlüssel sein, der Türen öffnet. Ich werde sie ermutigen, bewusster zu werden und alles, was sie lernen und machen, zu internalisieren, damit sie es dann automatisch anwenden. Sie sollen tun, was ich früher einmal tat. Mein Job ist also, mich selbst zu ersetzen! Ich werde eventuell noch nicht einmal ein Supercoach mehr sein. Nur noch ein Fazilitator, einer der Rat gibt, hilft und Dinge ermöglicht. Ich werde nicht mehr für die Spieler entscheiden. Dafür werde ich ihnen die Fähigkeit und das Wissen geben, eigene Entscheidungen zu treffen. Wenn alles gut läuft, werde ich ganz in den Hintergrund treten. So kann die Mannschaft sich selbst entwickeln. Das ist das Höchste, denn so ist sie viel mehr als die einzige (und oft einsame) Stimme, die ich früher einmal war. So kann ein Potential aus der Mannschaft erwachsen, dass wir bisher im Fußball noch nicht gesehen haben. Jeder Spieler wird zum Trainer, der für sich und seine Mitspieler verantwortlich fühlt. Bei einem Spielkader von, sagen wir, 25, haben wir plötzlich 25 Trainer. Früher hatten sie nur einen, mich. Ich sehe jetzt die Power, die hinter diesem Konzept steckt. Je länger die anderen Trainer noch im Gestern und Heute bleiben, desto größer ist unser Vorteil. Und darum geht es, Vorteile gegenüber anderen Vereinen zu haben. Auch werde ich von jetzt ab ein Rollenmodell im Benehmen sein. Ich werde mich nicht länger wild auf der Bank gebärden, sondern genauso ruhig, konzentriert und emotionslos sein, wie ich es von meinem Spielern auf dem Platz verlange.


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