Stufen der Teamentwicklung

Carlos Castaneda hat vor vielen Jahre eine Reihe Bücher geschrieben, in denen Menschen durch erleuchtete, farbige Lichtstränge miteinander verbunden sind. Diese Lichtstränge konnten aber nur von wenigen Menschen gesehen werden. Er sagt, wenn zwei Menschen sich sehr nahe sind, verbindet sie ein Knäuel von dünnen, hellen, prallen, lichterfüllten Fasern. Wenn sie sich nicht nahe sind, sind sie durch einzelne, hängende, farblose Fasern verbunden. Leute die sich nicht leiden können, sind von einem Knäuel rotleuchtender Fasern verbunden. Es sagt also, dass es Schwingungen gibt, verschiedene Wellenlängen, Frequenzen, die uns miteinander auf verschiedene Weise verbinden. Wäre es nicht schön, wenn der Trainer sein Team durch diese besondere Brille sehen könnte? Das Ideal wäre eine Gruppe von so 25 Spielern, er selbst mit eingeschlossen, die alle durch viele, dicke, leuchtende Lichtbündel miteinander verknüpft sind.

Wie entstehen diese Lichtfasern? Wie formt sich ein Team? Wie bindet man die Spieler zusammen, so dass sie ein Knäuel bilden? Vor einigen Jahrzehnten schrieb Tuckman (1965) über Teamchemie, insbesondere (und dafür ist er bekannt) über vier Stufen der Team- oder Gruppenentwicklung. Sein Modell hat heute noch die gleiche Gültigkeit wie damals. Was folgt, ist auf seinem Gedankengut aufgebaut.

Stufe 1: Formierung

In jeder neuen Saison muss die Mannschaft neu formiert werden. Der Grund ist bekannt: neue Spieler kommen und alte Spieler gehen. Auch wenn nur ein Neuer kommt, ändert sich die Teamchemie, die Mischung von verschiedenen Persönlichkeiten. Die neue Formierung fängt mit dem ersten Mannschaftstreffen und dem ersten Training an. Hier lernen sich die Spieler zuerst formell kennen. Sie, die alten Spieler und die neu hinzugekommenen werden leicht nervös sein und sich erwartungsvoll, aber auch leicht unbehaglich und ungewiss fühlen. Nur wenige der Spieler werden wissen, ob sie in der neuen Mannschaft einen Stammplatz haben.

Die Altspieler und die Reservespieler, die mitunter spielten, aber meist auf der Bank saßen, werden die Neuankömmlinge mit Argusaugen beobachten, denn sie sind ihre Rivalen und von ihnen wird abhängen, wie ihre Karriere laufen wird. Andere Spieler werden wissen, dass sie in der Startformation stehen, aber nicht, wer ihre Nebenspieler sind, von denen ihr eigenes Spiel wiederum abhängt. Die alten Füchse im Team werden die Neuen also mit prüfenden Augen ansehen, um herauszufinden, ob sie die Mannschaft wirklich verstärken können und ob sie vielleicht sogar ihre eigene Position bedrohen. Nach außen hin werden sie freundlich, sogar herzlich sein, wenn sie ihre neuen Mitspieler treffen und sich mit ihnen unterhalten. Aber innerlich hegen sie viele, unbeantwortete Fragen, die sie zweifeln lassen und die sie leicht unter Druck setzen.

Stufe 2: Bewölkung

Nach einigen Wochen bewölkt sich die Szene. Man trainiert und läuft zusammen, man schwitzt zusammen im Kraftraum und man redet zusammen im Mannschaftsraum. Man lernt sich kennen. Unausbleiblich, wegen der verschiedenen Persönlichkeiten, Sprachen, Hautfarben, Ursprungsländer - aber auch wegen der persönlichen Ambitionen und Ziele der verschiedenen Spieler- kommen Konflikte auf: zwischen den Spielern, zwischen Ihnen (weil Sie ja auch eine Persönlichkeit haben, die anderen fremd ist) und den Spielern, zwischen den Spielern und Ihren Gehilfen und zwischen Ihnen und Ihren Gehilfen (vielleicht ist einer von ihnen auch neu). Die Spieler werden Sie testen. Sie werden die Spieler testen. Jeder Spieler wird offenkundig und heimlich nach einem Stammplatz oder einer Führungsrolle in der Mannschaft wetteifern. Schlechte Arbeitseinstellungen und Attitüden werden ans Tageslicht kommen.

Ihr Team wird schnell feststellen, wer wo spielt, welche Rolle er zu erfüllen hat und ob er zur Stammformation gehört oder auf der Bank sitzt. Denn jeder Spieler hatte vor der Saison gewisse Erwartungen, wie die nächste Saison verlaufen würde, für sich selbst und für die Mannschaft. So ist es nur natürlich, dass Konflikte aufkommen, wenn diese vielfachen Erwartungen und Wünsche der einzelnen Spieler, dazu Ihre eigenen, zusammenkommen und geeinigt und geschlichtet werden müssen. Bewölkte Stirnen sind ein natürlicher Bestandteil dieser Stufe der Teamentwicklung. Nur müssen sie so schnell wie möglich in glatte Stirnen verwandelt werden. Ihre Aufgabe als Trainer ist es nicht, diese Konflikte zu verhindern (das können Sie gar nicht). Sie sollten die Konflikte aber geschickt handhaben und kanalisieren. Denn Ihr Ziel ist es, starke Teamspieler zu entwickeln. Sie wollen aus diesem bunten Gemisch von Spielern eine Einheit formen, eine Teamchemie herstellen, die Erfolg bringt. Ihre Einstellung zum Konflikt, und Ihre Vorgehensweise, um so ein Team zu entwickeln, sind daher entscheidend.

Stufe 3: Klärung

Die Klärungsstufe beginnt, wenn sich die Mannschaft mit Ihrer Hilfe auf einige Regeln, Standards und Normen einigt, wie Angelegenheiten im Team gehandhabt werden sollten. Klärung betrifft den Teamstandard im Platztraining, Krafttraining, Konditionstraining und mentalen Training, auch während Mannschaftstreffen und sozialen Angelegenheiten. Der Teamstandard entwickelt sich mit der Zeit. Er besagt, wie man Sachen macht, er setzt das Maß, bestimmt die Regeln und gibt die Richtschnur. Wie Sie sehen, haben die Normen des Teams einen großen Einfluss auf das Benehmen der Spieler - auf ihre Attitüde, Arbeitsethik und Teamunterstützung - und daher auf den Erfolg der Mannschaft.

Hier sind einige positive Normen. Die Spieler haben einen Teamstolz, sie gehen gemeinsam gegen unfaire Kritik an. Sie haben einen Erfolgsdrang und versuchen sich sogar zu verbessern, wenn alles bestens läuft. Sie kommunizieren gut, sie hören zu und versuchen herauszufinden, was andere denken. Sie bitten Sie, den Trainer, um Hilfe, wenn Hilfe gebraucht wird. Sie versuchen die gesetzten Ziele zu erreichen. Sie nutzen ihre Mitspieler nicht aus; sind ehrlich miteinander. Sie wissen, dass die Zuschauer und Fans wichtig sind und benehmen sich dementsprechend. Sie setzen sich beim Training voll ein und versuchen sich laufend zu verbessern.

Hier sind negative Normen. Die Spieler kümmern sich nicht um Teamprobleme. Sie sind mit einer Minimalleistung zufrieden. Sie reden über andere hinter deren Rücken. Sie sehen Sachen nicht ins Auge, sondern sehen weg Sie ignorieren Probleme. Sie versuchen so wenig wie möglich mit Ihnen, dem Trainer oder Management zu tun zu haben. Sie sind nicht sehr an den von anderen gesetzten Zielen interessiert. Sie interessieren sich nicht, wie es den anderen Spielern geht. Es ist ihnen gleich, ob Leute die Wahrheit sagen. Die Zuschauer interessieren sie nicht. Sie reden zwar über das Training und über Verbesserungen, nehmen dies Gerede aber nicht ernst. Was immer das Thema, sie haben wenig neue Ideen.

Stufe 4: Leistung

Gute Leistungen zu bringen, ist die höchste Stufe und das eventuelle Ziel aller Teams. Es kann nur erreicht werden, wenn das Team hohe Standards und Normen hat, die von allen Spielern angenommen werden. Jetzt fängt die Mannschaft an, selbstsicher und selbstbewusst aufzuspielen. Sie spielt plötzlich als Einheit, zusammengehörig. Die Spieler haben ein Gefühl der Behaglichkeit, der Beständigkeit und Vertraulichkeit, denn sie wissen, was sie voneinander erwarten können. Während der Leistungsstufe erreichen Mannschaften ihren Höhepunkt. Dann läuft alles wie geplant und trainiert.

Sie können die vier Stufen der Teamentwicklung dazu benutzen, um die natürliche Vorwärtsbewegung Ihres Teams zu beobachten und ermöglichen. Sie wissen, was Sie erwartet und können Ihre Mannschaft in Ruhe und ohne Hektik in die nächste Phase leiten. Teams gehen auch hin und her zwischen den Stufen. Dies ist besonders der Fall, wenn neue Herausforderungen aufkommen während der Saison. Auch Verletzungen, Konflikte, neue Spieler und eine Serie von verlorenen Spielen können bewerkstelligen, dass Ihre Mannschaft von der Klärungsstufe wieder in die Bewölkungsstufe zurückfällt. Teamentwicklung ist ein komplexer Prozess, der sich laufend verändert und der dauernd den neuen Verhältnissen angepasst werden muss.


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