Teamarbeit: Einsichten

Die Aufgabe des Trainers ist es, die verschiedenen Talente und Stärken einzelner Spieler in eine powervolle Streitkraft zusammenzuschmieden, die einheitlich fähiger ist als die Einzelfähigkeiten der Spieler. Das ist keine leichte Aufgabe. Denn es geht nicht nur um elf Spieler. Der ganze Spielkader muss dabei mit in Erwägung gezogen werden.

Um es gleich vorweg zu sagen, und dies ist eine subjektive Aussage, eine hervorragende Teamarbeit findet man im Fußball selten. Wenn sie einmal aufflackert, dann sporadisch. Befriedigend ist die beste Note, die ein mit Teamarbeit versierter Beobachter den Vereinen geben kann.

Beweise von Teamarbeit

Seltsamerweise findet man indirekte Beweise von guter Teamarbeit in der Jugend. Der Kicker veröffentlicht hin und wieder unter Mannschaft der Woche erstaunliche Resultate. Da steht, zum Beispiel, dass eine Jungenmannschaft aus einem kleinen Dorf nach 15 Spielen makellose 45 Punkte hat, dazu noch mit einem Torverhältnis von 261:1. Sollte einem das nicht zu Denken geben? Kann so ein Ergebnis ohne Teamarbeit zustande kommen? Wohl kaum. Ist dort ein verdecktes Trainertalent? Weiß der Trainer etwas, was unsere Professionellen Trainer nicht wissen? Es sieht so aus. Sehen die Verantwortlichen im Verein keine Verbindung zwischen diesen fast perfekten Ergebnissen und ihrer eigenen Mannschaft? Fragt sich einer, wie solche Traumergebnisse zustande kommen können? Hat man schon einmal mit diesen Trainern gesprochen und ihnen ihre Geheimnisse abgelockt? Oder wollen wir die Scheuklappen aufbehalten und ruhig so weitermachen, obwohl die Teamarbeit nur so dahin stottert, von Spiel zu Spiel und Saison zu Saison?

Die Bundesliga liefert keine sichtbaren Beweise (das Gerede vor und nach dem Spiel zählt für Nichts, nur die Action auf dem Platz zählt!), dass gute Teamarbeit geleistet wird. Sind Leute, die den Spielkader in ein enges Team verwandeln können nicht wichtiger für den Verein als ein Starspieler? Und kosten sie nicht weitaus weniger? Die Verantwortlichen - Aufsichtsrat, Vorstand und Trainerstab - sehen wohl die eigenen Schwächen nicht, haben keine Rollenmodelle und kennen sich selbst nicht gut. Das besagt nicht viel für die Zukunft der Bundesliga. Auch wenn man an erster Stelle steht, heißt das nicht, dass man die Teamarbeit beherrscht. Wenn alle Vereine aber gleich schlechte Teamarbeit verrichten, fällt diese nicht so auf, denn es fehlt der Maßstab.

Teamrhythmus

Es ist nicht genug, dass Trainer von der Teamarbeit reden und hoffen, dass sie sich irgendwie und irgendwann offenbart. Auch kommt sie nicht von allein zum Vorschein, nur weil genug Spieltalent in der Mannschaft ist. Talente allein formen kein Team. Im Gegenteil. Talente spielen oft eigennützig, weil sie sich gut darstellen wollen. Die Spieler müssen also in Teams geformt werden. Von wem? Vom Trainer. Es das eine schwierige Aufgabe? Eigentlich nicht. Wenn man die richtigen Methoden anwendet, kann die Teamarbeit ein fast automatisches Beiprodukt der Methoden sein.

Teamarbeit hat einen komplexen inneren Rhythmus. Da kommen Wünsche, Hoffnungen, Bedürfnisse, Ambitionen, Machtdränge, Kooperation, Konkurrenz, Können, Eifersucht, Intelligenz - die Zahl der Komponenten geht endlos weiter - zusammen, die alle in Einklang gebracht werden wollen. Man muss Menschen verstehen können, auch wenn sie anders sind, als man selbst ist, ihre Veränderungen bemerken, ihr Wachstumspotential erahnen - und diese Varianten geschickt ins Team einbinden können. Denn ein Team ist wie jeder andere lebende Organismus: es verändert sich laufend, es wächst und verkleinert sich, es pulsiert einmal heftig und glühend rot, das nächste Mal kaum und farblos grau. Mitunter entwickelt sich die Dynamik des Teams langsam, Schritt für Schritt, fast messbar, voraussehbar. Aber ein Team kann sich auch plötzlich entwickeln, scheinbar aus dem Nichts, wenn die Umgebung richtig ist, der Impetus da ist und die Zeit reif ist.

Einsichten

Was folgt, sind Einsichten von Trainern, die überragende Teamarbeit geleistet haben. Die meisten von ihnen kommen aus dem Profisport in Amerika. Denn Trainer sind drüben entweder ins Universitätsleben mit eingeflochten -- als Trainer der Uni-Mannschaften, oft auch als Professoren - oder sie sind zu irgendeinem Zeitpunkt und aus Prestige und Geldgründen vom Uni Sport in den Profi Sport gewechselt. Beide Sportarten sind drüben ungefähr gleichgewichtig, reich und groß. Das Footballstadion der Universität von Tennessee in Knoxville, oder das Stadion der Universität von Michigan, in Ann Arbor, hält 110.000 Zuschauer und ist in fast jedem Spiel ausverkauft. Die Profivereine haben nur eine höhere TV Zuschauerquote, aber weniger Live Zuschauer. Hier sind einige Einsichten der Trainer:

- Spieler müssen lernen, ihr territoriales Ego zu unterdrücken. Kein Spieler besitzt ein Stück des Rasens. Er gehört allen Spielern.

- Was sind die Gefahrensignale der Ich-Krankheit? Die Spieler können mit Erfolg nicht umgehen, sie fühlen sich nicht geschätzt, sie glauben, sie spielen nicht oft genug, sie sind neidisch auf ihre Mitspieler, sie wollen besser aussehen als ihre Mannschaftskameraden, Cliquen und Rivalitäten kommen auf, sie sind immer leicht frustriert, auch wenn sie gewinnen.

- Spieler müssen ihrem Team total vertrauen können. Sie müssen auch daran glauben können, dass ihre Anstrengungen für das Team sie selbst bereichern und vorwärts bringen.

- Wenn es einmal schwarz aussieht, ist der Überlebensinstinkt stärker als der territoriale Instinkt. Dann ist Teilerfolg besser als der Drang selbst glänzen zu wollen. Aus diesem Wiedergeburtgefühl kann ein Team neue Stärke schöpfen.

- Wenn ein talentiertes Team sich voll vertraut, und wenn Instinkt sich mit Wagemut und Leistung verbindet, kann es sich verbessern.

- Spieler müssen gewillt sein, ihren persönlichen Stil aufzugeben, wenn dieser nicht teamförderlich ist. Der Stil eines Spielers kann ihn selbst und die Zuschauer zwar entzücken, er muss ihn aber dem Spiel und dem Sieg unterordnen.

- Wenn ein erfolgreicher Verein von der Ich-Krankheit infiziert wird, glauben diejenigen Spieler, die 20% des Resultats erzeugen, sie verdienen 80% der Belohnung.

- Ein Top-Team muss fest an diese Werte glauben: freiwillige Kooperation, Liebe zum Spiel, harte Arbeit und totale Konzentration. Diese Werte sind das Herz des Teams. Sie sollten wie eine Wolke über dem Spielfeld schweben.

- Symptome der Ich-Krankheit: der Spieler kann mit plötzlichem Erfolg nicht umgehen; er fühlt sich laufend unterbewertet; er hat paranoische Tendenzen; er denkt, er kommt zu kurz bei der Sache weg; er meint, er ist wichtiger als er ist; er kann mit den Star-Spielern schlecht umgehen; er strengt sich nur dann an, wenn er besser aussehen will als ein Mitspieler; Cliquen und Rivalitäten entstehen, weil die Führungsspieler fehlen; der Spieler ist frustriert, auch wenn die Mannschaft gewinnt.

- Spielern fällt es äußerst schwer, sich der Mannschaft hinzugeben, also selbstlos zu spielen. Sie wollen lieber selbst gut aussehen. Das streichelt ihr Ego und steigert ihren Marktwert. Kollaboration geht ihnen gegen den Strich.

- Die Ich-Krankheit nagt an der Teameffektivität und frisst sie eventuell auf, wenn sie nicht gestoppt wird.

- Um die Ich-Krankheit zu bekämpfen, müssen die Spieler zusammen einen Teamvertrag aufsetzen. Dieser sollte schriftlich, in Einzelheiten, von der Mannschaft aufgesetzt und von allen unterzeichnet werden. Der Trainer sollte diesen Prozess nur bezeugen und die Position eines Spielers einnehmen.

- Ein erstklassiger Teamvertrag ist total konstruktiv. Er bindet Spieler an die Mannschaft, betont Zusammengehörigkeit und Gleichheit, befürwortet Selbstverantwortung, schreibt vor, wie und wann man seinen Mannschaftskameraden helfen kann und legt im allgemeinen die Grundsteine für eine effektive Teamarbeit.

- Ein Teamvertrag kann auch unbewusst und ungeschrieben existieren. Er entwickelt sich einfach mit der Zeit. Aber der Unterschied zwischen bewusstem und unbewusstem Handeln ist groß. Eine Top-Mannschaft ist eine bewusste Mannschaft. Sie weiß, worum es geht.

- Wenn Sie bewusster werden, lernen sie viel über Ihren Verein. Die Welt sieht plötzlich anders aus. Versuchen Sie es einmal. Sehen Sie sich bewusst um. Es ist so, als ob Sie eine Kamera bei sich haben. Sie sehen die Welt dann mit anderen Augen an. Das Bewusstsein in ihren Spielern zu heben, ist also ein Teil ihrer Trainingsaufgabe.

- Ihre Attitüde, Haltung und Einstellung kann Erfolge oder Verluste beeinflussen. Arbeiten Sie an einer positiven Attitüde. Lehren Sie Ihre Spieler das gleiche. Plötzlich passieren Dinge auf dem Spielfeld, die andere als Glück bezeichnen.

- Die beste Zeit, einen positiven Teamvertrag mit ihren Spielern aufzusetzen, ist mitten in einer Krise, wenn versteckte Agenden ans Licht kommen, wenn es keine Sündenböcke mehr gibt, wenn erste Anzeichen von Vertrauen sichtbar werden, wenn die Spieler anfangen füreinander da zu sein oder wenn ein Enthusiasmus aufkommt.

- Wenn Sie einen Spielervertrag entwickeln, gibt es nur zwei Optionen für jeden Spieler: entweder er sagt ja oder nein. Es gibt hier kein jein.

- Wenn ein Teamvertrag von der Mannschaft entwickelt und voll angenommen wird, ist es Ihre Aufgabe als Trainer, dem Team zu helfen und die perfekte Umgebung zu schaffen, damit die Talente der Spieler voll aufblühen können. Helfen, Fazilitator sein, ist die neue Rolle, nicht Boss sein. Sie werden so ein Teammitglied, Sie sind einer von den Spielern, sie haben eine Stimme, Sie werden zum Co-Spieler. So schmieden Sie ein Team. Bleiben Sie Boss, werden Sie nie gute Teamarbeit verrichten.

- Das heißt auch volle und angehende Kommunikation. Nicht nur mit Worten. Auf Reisen mieten Sie VCRs oder Billardtische, essen Sie in Konferenzzimmern, tun Sie alles für das Team, damit sie vor dem Spiel zusammen bleiben und sich nicht verzetteln.

- Spielverträge können nur in einer Atmosphäre des totalen Vertrauens zur Blüte kommen. Konstruktive Kritiken sind dann ein Zeichen von Vertrautheit und Sorge. Denn Druck von Mannschaftskameraden steigert in so einer Atmosphäre die Leistung.

- Wenn Sie und die Spieler meinen, ein Spiel verlieren zu können, verlieren Sie es auch.

- Wenn Sie einen Schlüsselspieler verlieren, bedarf es einer enormen Teamanstrengung, um den Verlust gutzumachen.

- Lernen Sie Ihre Mannschaft zu 'lesen'. Bemerken Sie Benehmensveränderungen von Schlüsselspielern, ein Sinken der Maßstäbe, neue Einstellungen, ein neues Verhalten - damit Sie kleine und große Explosionen verhindern können, die ab und zu aufflackern.

- So wird das Fußballleben zur Qual: Wenn Sie sich selbst einreden, dass Sie nie eine Chance hatten. Wenn Sie einfache Fehler als Beweis dafür ansehen, wie dumm Sie doch eigentlich sind. Wenn Sie solche Angst haben zu verlieren, dass Sie nur noch auf Verteidigung spielen. Wenn Sie versuchen das Glück zu erzwingen.

- Wenn die Mannschaft Probleme hat, kann sie ihr Potential nicht nutzen.

- Wenn die Mannschaft durch Selbstzufriedenheit verliert, sucht sie nach weitschweifenden Entschuldigungen, die mit der Zeit immer innovativer werden.

- Die Befehlskette muss so aussehen: von den Spielern zum Trainer; vom Trainer zum Vorstand, vom Vorstand zum Aufsichtsrat.

- Wenn das Spiel angepfiffen wird, sollte die ganze Mannschaft nur ein Ziel haben: volle Konzentration durch ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit und mit großer Energie ihr allerbestes zu geben.


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