Ein autonomes Team

Hier ist ein Satz, den Sie nicht gerne hören, der aber gesagt werden muss: eine Mannschaft, die vom Trainer abhängig ist, kann niemals perfekt spielen. Warum nicht? Weil sie nur ein Gehirn hat, Ihr Gehirn. Die Gehirne der Spieler werden kaum aktiviert. Werden sie aktiviert, wird jeder Spieler anders spielen, weil wir Menschen ja alle verschieden sind. Wir denken und fühlen anders und jeder von uns hat seine eigene Weltanschauung. Wenige Ihrer Spieler, auch wenn sie so tun, werden Ihren Anweisungen folgen, nicht weil sie schlecht sind, sondern weil die Spieler sie nicht verstehen, auch wenn Sie und die Spieler die gleiche Sprache sprechen.

Jeder Mensch ist anders

Kein Mensch kann einen anderen Menschen richtig verstehen, weder der Mann die Frau, die Kinder oder umgekehrt. Wir sind alle grundverschieden, obwohl wir im gleichen Haus wohnen. Relativ fremde Spieler werden Sie also auch nicht verstehen, denn die Gedanken, Absichten, Pläne und Bilder, die Sie in Ihrem Kopf haben, können Sie nicht so vermitteln, dass andere Sie verstehen. Es ist einfach nicht möglich. Nicht nur sind Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen anders, sie sind auch von verschiedener Qualität und Intensität. Wenn Sie sagen "lasst euch nicht in die Defensive drängen", haben Sie eine klare Vorstellung, was Sie damit meinen. Die Spieler haben das aber nicht unbedingt. Jeder Spieler wird seine eigene Vorstellung und Interpretation von diesem Auftrag haben und sich dementsprechend benehmen, wohl anders, als Sie es beabsichtigt haben.

Da bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als wild von der Seitenlinie zu gestikulieren und Ihre Anweisungen herauszubrüllen, ohne viel Erfolg. Im Gegenteil, Ihre Anweisungen werden für Verwirrung sorgen, denn jeder Spieler glaubt, dass er seine Interpretation von Ihren Anweisungen in die Tat umsetzt. So interpretiert jeder Spieler Ihre Anweisungen auf seine Art, sicher anders, als Sie es beabsichtigten, weil jeder Mensch ja anders ist und anders hört, denkt und handelt. Ihr Gehabe kommt also wie ein Schock, es verunsichert die Spieler, denn sie glauben, das zu tun, was Sie beabsichtigten.

Falsche Prämisse

Wie Sie sehen, kann es zu wenig führen, wenn Sie bestimmen, was die Spieler und die Mannschaft zu tun haben. Es ist einfach nicht möglich. Dazu kommt noch, dass viele Spieler die deutsche Sprache nicht gut beherrschen oder dass einige Spieler, obwohl sie die Sprache beherrschen, Ihnen nicht gut gesonnen sind und nur ein Lippenbekenntnis ablegen. So haben Sie als Trainer einen schweren Stand. Dabei benehmen Sie sich so, wie sich die Trainer benommen haben, unter denen Sie damals spielten. Auch haben Sie es wohl auf der Sporthochschule so gelernt, als Sie Ihre Lizenz erwarben. Nur ist diese Prämisse, diese Philosophie, diese Ideologie falsch, falsch in dem Sinne, dass das Erlebte und Gelernte oft "aus dem Kopf kommt" und den einzelnen Menschen außer Acht lässt.

Die Prämisse, dass alle eine Sache gleich ansehen und verstehen, ist nicht nur falsch, sie ist eigentlich eine Anmaßung. Sie stammt aus der Bürokratie, dem Militär und der Industrie. Sie ist ungeeignet für den Spitzensport. Sie ist vielleicht geeignet für Schülermannschaften, aber nicht für Erwachsene, auch nicht für aufwachsende Menschen, denn auch sie sind schon differenziert und autonom. Dazu heißen Sie noch "Trainer", ein Ausdruck, der im Englischen meist nur noch für das Trainieren von Tieren benutzt wird. Der Ausdruck ist passend zu Ihrer gegenwärtigen Situation, aber total rückständig. Noch nicht einmal "Coach" ist treffend. "To coach" hat etwas mit Kutscher zu tun, mit Nachhilfeunterricht und Einpauken. Das Wort Coach ist also auch nicht zutreffend. Ein neues Wort, das aus der Literatur der Erwachsenenerziehung stammt, passend ist und immer mehr Anwendung findet, ist "Fazilitator" (lat.), einer der hilft, der etwas erleichtert und fördert.

Sie sehen selbst, dass der Name Ihres Berufes wichtig ist und bezeichnend sein muss und kein Relikt aus alten Zeiten sein sollte. Denn ein "Trainer" trainiert seine Spieler. Er schreibt vor, was die Spieler zu machen haben. So benehmen sich auch die meisten "Trainer". Aber weder das Wort noch das Benehmen ist angebracht. Es ist fehl, es muss sich ändern. Wären Sie ein Fazilitator, würden Sie ganz anders handeln, Ihre Rolle anders sehen. Ein Wort beinhaltlicht ja etwas. Sie sind kein Trainer, sollten jedenfalls keiner sein. Der Name Ihres Berufes ist falsch, nicht mehr zutreffend, wenn er es je war.

Autonome Spieler

Wenn also jeder Mensch anders ist, und wenn Menschen sich daher kaum miteinander verständigen können, eben weil sie so weit von einander entfernt sind wie die Sterne am Himmel, haben Sie als Trainer, wenn Sie erfolgreich sein wollen, nur eine Wahl: Ihre jetzige Funktion, die des autonomen Trainers, auf jeden Spieler zu übertragen. So haben Sie plötzlich elf autonome, selbstständige, von Ihnen unanhängige, selbstverantwortliche Spieler auf dem Platz. Ihr Job ist also dies zu bewerkstelligen, es herbeizuführen, es zu ermöglichen. Sehen Sie die Power in diesem Gefüge? Es sind nicht Sie, der alles regelt und bestimmt, sondern jeder Spieler denkt und bestimmt an Ihrer Stelle. Sie haben plötzlich elf Trainer auf dem Platz oder besser Fazilitatoren, die einander helfen, die zusammenwirken, sich vereinigen, kooperieren, einander Dienste leisten, Rat geben, einander bestärken und für einander da sind.

Sie stehen im Hintergrund. Je besser die Sache läuft, desto seltener mischen Sie sich ein. Sie verschwinden dann einfach. Im Führungswesen hat man diese Tatsache seit langer Zeit erkannt: wenn alles bestens läuft, lässt der weise Führer sich nicht blicken. Er taucht nur dann auf, wenn es nicht läuft. Er nimmt die Sache in die Hand, bis er nicht mehr gebraucht ist. Wenn er also nicht von Nutzen sein kann, ist dies ein gutes Zeichen. Füllt er seine Rolle gut aus, wird er fast nie während des Spiels gebraucht. Denn die Mannschaft wird sich selbst regulieren. Wenn etwas nicht bestens läuft, haben Sie elf Fazilitatoren auf dem Platz, die das Falsche einstellen, es normalisieren und verbessern.

Je besser Sie Ihre neue Rolle verstehen, desto mehr Wert haben Sie für den Verein. Man wird Sie respektieren und achten, denn Sie sind dann der Macher, der Weise, der diese Power erzeugt hat (und sie mitnehmen kann, wenn Sie den Verein verlassen).

Eine autonome Mannschaft

Wenn jeder Spieler autonom ist, brauchen Sie sich um Teamwork keine Gedanken mehr zu machen. Teamwork kommt dann von allein. Denn jeder Spieler wird dem anderen helfen und für ihn arbeiten. Die Spieler verbrüdern sich so, verschwören sich, schließen einen Bund und werden zu einer Einheit. Elf Fazilitatoren bilden daher eine autonome Mannschaft. Sie analysieren zusammen das letzte Spiel, sie stellen Trainingspläne auf - für sich selbst, für ihre Gruppe (vorn, Mitte und hinten) und für die Mannschaft als Ganzes. Denn 22 Augen und 11 Gehirne sehen und denken mehr als 2 Augen und ein (Ihr) Gehirn.

Sie sollten anwesend sein, wenn dies geschieht, aber wenig sagen. Wenn Sie etwas zu sagen haben, zum Beispiel, wenn Sie glauben, die Spieler hätten etwas übersehen, sollten Sie Fragen stellen, aber nie Antworten geben. Damit sie internalisiert werden können, müssen die Antworten zu Ihren Fragen von den Spielern kommen. Die Spieler, nicht Sie, müssen über ein Problem nachgedacht, es diskutiert haben und dementsprechende Antworten geformt haben. Tun die Spieler das, hinterlassen die Antworten Spuren in den Gehirnzellen, die sie zurückverfolgen können, die also haften bleiben. Kommen die Antworten aber von Ihnen, ist das oft nicht der Fall, denn was Sie sagen, wird nicht oft in die Gehirnmuster der Spieler passen.

Paradigm Shift

Zugegeben, diese Art zu Denken - Trainer und Spieler in Fazilitatoren zu verwandeln, um so autonome Mannschaften zu erzeugen - ist neu und wirkt befremdend. Aber sie existiert und wird eines Tages auch im Fußball zur Alltagsweisheit gehören. Und der Verein, der zuerst diesen Paradigm Shift, dieses Denkparadigma, verschiebt, wird auf viele Jahre hinaus einen Vorteil über andere Vereine haben. Denn eine autonome Fußballmannschaft gibt es bisher noch nicht. Die Power dieser Konfiguration kann man nur erahnen. Sie wird beträchtlich sein. Zusammen mit den Übungsmethoden, die in dieser Website befürwortet werden, können Sie - wenn wir dieses Gedanken- und Ahnungsgut einmal bis zur Grenze hinausschieben - aus 22 jungen Menschen in zwei bis drei Jahren eine bundesligareife Mannschaft gestalten. Oder Sie können aus einer Durchschnittsmannschaft eine Spitzenmannschaft formen. Garantiert!

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