Die Rolle des Trainers

Die Rolle des Trainers wird sich in den kommenden Jahren gewaltig verändern. Besser gesagt, der Charakter der Rolle wird anders sein, da die Gegebenheiten im Powerfußball total anders  sind, als im heutigen Glücksfußball.

Dreiertaktik und Positionsfußball

Ich nenne den heutigen Fußball Glücksfußball, denn bei Ergebnissen von 0:0, 1:0, 1:1, 2:1, 3:2, usw., ist es reiner Zufall, wer gewinnt. Sind die Götter mit einem Verein, gewinnt er an dem Tag, obwohl er im nächsten Spiel gleich wieder verlieren kann.

Wie kann es auch anders sein. Der Ablauf des Spiels ist doch folgendermaßen. Der Ball wird in der eigenen Hälfte hin und her beschoben, weil kein Spieler weiß, was er sonst mit dem Ball machen sollte. Denn vorn werden die wenigen eigenen Stürmer von fast der gesamten gegnerischen Mannschaft gedeckt.

Sie müssen zugeben, dass die gegenwärtige Taktik ziemlich ineffektiv ist. Sie entstand, vom Rugby inspiriert, anfänglich aus dem Knäuel, die sich dann zu einer Zickzack Linie entwickelte.. Nach dem Krieg (dem zweiten), wurde die eine Linie in zwei Zickzack Linien umgewandelt. Dann kam der, für Fußballverhältnisse, riesige Umbruch, als man im Laufe der Jahre aus zwei Reihen drei Reihen machte. Zu mehr reichte der Geist nicht. Wenn wir diese Denkweise zu Ende führen, enden wir wieder mit einer Linie ab, und zwar mit einer vertikalen Linie. Nur macht so eine Linie überhaupt keinen Sinn.

Der arme Trainer hat also wenige Optionen. Er wird zuerst versuchen, seinem bunt zusammen gewürfelten Haufen von Spielern aus aller Welt taktische Varianten im Seminarraum zu vermitteln. Dann wird er versuchen diese Varianten auf dem Traningsplatz zu üben. Die Spieler schauen zu. Sie sind hörig und willig. Nur sind sie unfähig, die Taktik auf dem Spielplatz umzusetzen. Kein Wunder. Denn Anwendung von Wissen ist dreimal so schwierig wie bloße Errungenschaft von Wissen. Dazu wissen die Spieler nicht –nehmen wir einmal an, dass die Spieler den Trainer überhaupt verstehen – ob eine spezifische Taktik nur auf einem Teil des Spielfeldes, oder auf dem ganzen Spielfeld angewendet werden sollte.

Dazu gibt es Konflikte zwischen der Dreiertaktik und dem Positionsfußball. Die Dreiertaktik muss flüssig sein, um mit den zugeteilten Positionen übereinzustimmen. Das ist sie aber nicht. Also sind Taktik und Positionsfußball in Konflikt. Sie harmonieren nicht. Sie können gar nicht harmonisieren, weil sie nicht zusammen passen. Nehmen Sie die Dreiertaktik weg und spielen Sie nur Positionsfußball, könnte es besser funktionieren. Nur wird das Spiel dann statisch, leicht auszurechnen, immer das Gleiche. Aus diesem Schlamassel heraus gibt es keinen Ausweg. Außer Sie ignorieren die Taktik und spielen so, wie das momentane Spiel es verlangt, sogar vorschlägt. Das ist der Anfang der Powertaktik.

So spielten die Brasilianer einmal: frei, flüssig, einfallsreich, enthusiastisch, dynamisch, freudig, aus einem Guss – und gewannen alle Spiele. Dann kamen die kopfgesteuerten Europäer mit ihren Systemen und zerstörten ein nahezu perfektes Spiel. Jetzt spielen fast alle Vereine der Welt gleich. Und sie machen alle die gleichen Fehler. Sie können dies selbst prüfen. Sehen Sie sich verschiedene Spitzenspiele aus der ganzen Welt an und analysieren Sie diese Spiele, wie vorgeschlagen unter „Spielanalyse“. Jedes Spiel wird zu 50 bis 60% aus Fehlern bestehen.

Der Trainer heute

Alles im Verein ist auf den Trainer zugeschnitten. Er hat das Sagen. Er ist verantwortlich. Er wird entlassen, wenn er die (oft von anderen) gesetzten Ziele nicht erreicht. Der Druck des Vereins und die geheimen Hoffnungen der Zuschauer lasten auf seinen Schultern. So ist das System. Der Trainer plant, was gemacht werden soll. Er schlägt vor, welche neuen Spieler gekauft und welche verkauft werden sollten. Er organisiert das Training. Er bestimmt wer spielt und wer auf der Bank sitzt. Er bestimmt die Taktik für das nächste Spiel. Er sagt seinen Spielern, wo sie zu stehen haben, was ihr Aktionsradius ist. Er führt, er ist Chef der Mannschaft. Er kontrolliert, ob alles gut läuft. Er hat die Macht. So ist es und so war es schon immer.

Nur passt ein autokratischer Führungsstil überhaupt nicht zum Spiel, zum Teamsport. „Auto“ heißt ich. Der Begriff hat etwas mit dem Selbst zu tun. Wenn immer nur einer das Sagen hat, und anderen seinen Willen aufzwingt, haben Sie ein ineffektives System. Denn viele wissen viel mehr als jeder einzelne. Einstein und ein Penner wissen doppelt soviel wie Einstein oder ein Penner.

Das heutige System passt also nicht zu den gegenwärtigen Gegebenheiten. Es ist basiert auf den Glauben, dass einer immer das Sagen haben muss, selbst beim Spiel. Es ist ein irrsinniger Glaube. Ein Aberglaube. Denn das Fußballspiel ist auf Vereinigung aufgebaut. Der Trainer spielt ja noch nicht einmal mit. Wenn das Spiel anfängt, kann er nur machtlos von der Außenseite zuschauen. Und glauben Sie nicht, dass sein aufgeregtes Benehmen auf der Bank und seine Rufe und Handzeichen das Spiel beeinflussen. Zugegeben, die Presse und das Fernsehen – beide keine Fußballexperten – erwarten, dass er seinen Teil zur Performance beiträgt, indem er herumhüpft und mit dem Finger den Weg weist. Sitzt er still da und bewegt sich nicht, wird er gerügt.

Wenn immer nur einer das Sagen hat, beruht Erfolg oder Misserfolg aller auf eben diesen Einen. Die Gehirnmasse der anderen, der Spieler, wird vergeudet. Alles hängt von der Hirnaktivität eines Einzelnen, des Trainers, ab. Eine riesige Verantwortung. Gleichzeitig eine riesige Dummheit. Und das in einem Teamsport! Sieht denn keiner den Widerspruch?

Mögen Sie es wenn andere Leute Ihnen sagen was Sie zu tun haben?  Natürlich nicht.  Jeder erwachsene Mensch hat einen starken inneren Drang, sein Leben selbst zu gestalten.  Das gilt auch für die Arbeit. Viele Forschungsarbeiten über die Führung von Organisation – groß oder klein – sind zu der Erkenntnis gekommen, dass Leute, die das „was“,“wie” und „wo“  ihrer Arbeit selbst, oder wenigstens mitbestimmen, können, mehr leisten als Leute, denen man sagtwie sie die Arbeit zu verrichten haben. 

Was bedeutet das Gesagte für den Trainer? 

Je autoritärer ein Trainer  im Teamsport ist,
desto weniger Erfolg wird er langjährig haben.

Autoritäre Trainer können, des Führungsstils wegen, nur kurzfristig erfolgreich sein, weil sie anfänglich frisch und neu sind, und weil die Spieler oft froh sind, wenn einer daherkommt und den Scherbenhaufen wieder zusammenklebt.  Wenn die Neuheit einmal abfällt und der Trainer weiter autoritär führt – wenn er also seinen Führungsstil nicht ändert – wird der Trainer sein Einfluss und sein Erfolg immer geringer. Es geht gar nicht anders. Eventuell führt ein autokratischer Stil im Teamsport zur Spieler- oder neuerdings auch zur Fan Revolution. So muss der Trainer eventuell gehen.

Wenn die gleichen Spieler und der gleiche Trainer ein (Fußball-) Leben lang zusammen sein wollen, passt ein autokratischer Führungsstil nicht. Fußball ist ein Teamsport. Die Kunst der Menschenführung im Teamsport besteht darin, die Gehirne aller Beteiligten zielgerichtet zu aktivieren, also aus zwölf Gehirnen (ein Trainer und elf Spieler) ein Supergehirn zu formen.

Wenn immer nur einer sagt, wo es lang geht, und die anderen nicht bei Entscheidungen mit einbezieht, kann nicht viel passieren. Nicht einmal kleine Babys lassen sich etwas sagen, ohne lauthals zu schreien, wenn sie nicht einverstanden sind. Jeder Mensch ist anders, jeder Mensch sieht daher die gleiche Situation anders und würde anders handeln. Sehen sie aber in der Entscheidung ihre eigene Sichtweite auch nur ansatzmäßig vertreten, setzen sie sich voll ein. So einfach ist die Sache. Probieren Sie es an Ihren eigenen Kindern aus. Treffen Sie als Familie eine gemeinsame Entscheidung, läuft alles bestens. Entscheiden Sie allein, und Frau und Kinder müssen sich fügen, ist Opposition voraussehbar mit eingebaut. Und das tun immer weniger Menschen. Daher wird heute nicht mehr geheiratet; ein Freund genügt.

Sobald Sie sagen: Wir machen es folgendermaßen, haben Sie Opposition. Wenn der Lehrer vorn steht und für eine Stunde einen Vortrag hält, bekommen die wenigsten etwas mit. Wenn der General entscheidet, wie die Truppen anzugreifen haben, ist der Erfolg zweifelhaft. Kein Mensch will gesagt bekommen, was er zu machen hat und wie er es zu machen hat. Chefs, die das nicht wissen, nicht einsehen, oder nicht beherzigen, werden nicht erfolgreich sein. Das trifft insbesondere auf den Sport zu.

Der Trainer morgen

Bei „morgen“ meine ich die Rolle des Trainers im Powerfußball. Sie ist dramatisch anders, viel einfacher, als die heutige. Da Trainer und Spieler ein (Fußball) Leben lang (ungefähr 20 Jahre lang) zusammen bleiben, ergeben sich ganz andere Konstellationen.

Ein guter Trainer sagt selten etwas. Er hat das ganze Trainingsprogramm so aufgebaut, dass die Spieler alle Funktionen des Trainings übernehmen. Der Tageskapitän, jeden Tag ein anderer, ist der Trainer. Er übernimmt die Funktionen, die im jetzigen Fußball die Verantwortung des Trainers sind:
 

  • Er überwacht, dass der Verkehr in den Schuss- und Passhallen reibungslos abläuft.
  • Er leitet die Seminare.
  • Er passt auf, dass die Spieler alles haben, was sie brauchen.
  • Er ist Ansprechpartner der Spieler.
  • Er löst alle Probleme die täglich anfallen.
  • Er kommt als Erster und geht als Letzter.

Und was macht der Trainer? Wenn er seine Rolle richtig gut versteht, macht er nichts! Er ist zwar ab und zu anwesend, aber seine Hauptrolle besteht darin, den Tageskapitänen im ersten Jahr ihres Trainings zu helfen. So wird der Trainer zum Fazilitator, zum Ermöglicher, zum Helfer, zum Ratgeber, zum Vertrauten, zum Weisen. Er sagt wenig, stellt meist nur Fragen.

Das beantwortet eigentlich schon die Frage nach der Rolle des Trainers im Powerfußballs. Es ist eine Spaß bringende Rolle, leicht zu erfüllen.

Sokratische Methode

Sokrates glaubte, dass alles Wissen bereits in uns schlummert.  Das es nur „hervorgeholt“, bewusst gemacht, werden müsse. Daher das Wort „educare“, herausziehen.  Seine Methode ermöglicht Fußballspielern eigene Ansichten zu entwickeln und diese Ansicht in eigenen Worten auszudrücken.  So werden Spieler zum eigenständigen Denken und zur Kreativität angeregt, und nicht zu Befehlsempfängern.

Wer weiß mehr: Ein Einstein oder der Bettler an der Ecke? Sie wissen beide gleich viel, wenn das Wissen auch total verschieden ist. Wenn sie sich zusammentun, wissen sie doppelt so viel. 

Die Sokratische  Methode ist einfach und sehr effektiv. So lernt auch der Trainer, durch ständigen Gedankenaustausch, zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Denn wer weiß mehr über den Fußball: 1  Kopf oder 23 Köpfe?  Natürlich 23 Köpfe. Der Trainer sollte versuchen das Wissen eines jeden Spieler zu aktivieren und zu koordinieren. 

Beherzigen Sie, was Sokrates schon vor Jahrhunderten erkannte: 

Der Trainer leitet die Spieler durch geschicktes Fragen die
Antworten und Einsichten selbst zu finden.

Entscheidungen gemeinsam treffen

Der Trainer dezentralisiert seine Autorität an die Spieler. Er tut das auf vierfache Art und Weise: durch Ermutigung zur Selbstlenkung der Spieler, durch Berufung auf die Erfahrungen der Spieler, durch Anerkennung individueller Bedürfnisse der Spieler, und durch gemeinsame Problemlösungen mit den Spielern.

Die Implikation der Selbstlenkung ist ein Vereinsklima gekennzeichnet von Akzeptanz, Respekt, Unterstützung und Gegenseitigkeit.  Die Betonung liegt auf  Involvierung eines jeden einzelnen Spielers durch einen Prozess der Selbst-Diagnose von Lern-, sprich Trainingsbedürfnissen. In Seminaren untersuchen Trainer und Spieler gemeinsam, wie die verschiedenen Aspekte des Trainings – und daher auch des Spiels – gestaltet werden könnten. Spieler werden voll im Training involviert. Der Trainer hilft und unterstützt lediglich. Er stellt ab und zu  Fragen, aber diktiert nicht. Denn Fußball ist ein Spiel, mehr nicht, leicht zu erlernen. Man benötigt keine besondere Expertise, insbesondere wenn eine moderne (organische) Taktik den behindernden Positionsfußball und die Dreiertaktik ersetzt.

Trainer und Spieler sind daher gemeinsam für Training und Spiel verantwortlich.  Diese geteilte Verantwortung beinhaltet auch, dass jeder Spieler sich selbst durch objektive Kriterien bewertet. Der Trainer hilft, Beweise mit und für den Spieler zu sammeln, um Fortschritt oder fehlenden Fortschritt, zum Beispiel im Trainingstagebuch, zu diagnostizieren. Auf keinen Fall beurteilt der Trainer den Spieler. Dies wäre die ultimative Geste des Diskrespekts und der Erzeugung von Abhängigkeit.  Welcher erwachsene Mensch will schon von einem anderen bewertet werden?  Man sollte sagen, dass ein Versagen des Spielers die Schuld des Trainers ist, wenn der Trainer, wie jetzt, allein verantwortlich ist. Ähnlich dem Schullehrer oder Professor an der Uni, der 60% der Studenten durchfallen lässt, weil er nicht unterrichten kann, und der dafür gerügt werden sollte, was er aber nicht wird, weil er Beamter ist und die Schuld immer nur bei den Anderen sucht. So ist heute auch der Trainer verantwortlich für die Leistungen der Spieler, wenn sein Führungsstil autokratisch ist, was er sein wird, denn das gegenwärtige System erfordert diesen Stil. 

Ist der Spieler aber in der Verantwortung, und der Trainer hilft nur, liegt die Verantwortung hauptsächlich bei jedem einzelnen Spieler.  Das werden Spieler selbst einsehen und sich daher doppelt anstrengen. Der Trainer hilft nur dann, wenn der Spieler Hilfe beantragt.

Ein Kader von 22 Spielern, auch wenn sie jung sind, bringt viele verschiedene Erfahrungen mit sich, die Implikationen für das Training haben. Der Trainer sollte daher partizipative, erfahrungsbasierte Techniken anwenden, um Spielererfahrungen zu nutzen und ins Training mit einzubauen. Spieler sollten lernen, wie sie neu Gelerntes, das aus verschiedenen Quellen stammt, effektiv auf dem Spielfeld anwenden können.  Spieler sollten ebenfalls lernen von ihren eigenen Erfahrungen zu lernen. Das Training sollte also um die Bedürfnisse der einzelnen Spieler herum gestaltet werden. 

Erwachsene Spieler bevorzugen Problem- oder Performance-zentriertes Training.  Der Trainer sollte also Lernerfahrungen anwenden, die auf die Bedürfnisse des einzelnen Spielers zugeschnitten sind.  Das Organisationsprinzip ist daher nicht der Spieler, sondern die Probleme die Spieler haben.

 

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