Eine Organische Taktik (1)

 

Eine kurze Geschichte der Taktiken im Fußball

Anfänglich, wie man auf alten englischen Filmen sehen kann, liefen alle Spieler beider Teams freudig und laut lachend hinter dem Ball her. Wie es heute die ABC Schützen tun, unsere ganz kleinen Fußballer. Man hatte damals viel Spaß am Spiel. Es ging um nichts, vielleicht um ein Bier.  

Viele Jahre später kam jemand auf die Idee, vom Rugby geborgt, das man sich in einer Art Zig-Zag Linie wie eine Woge hin und her bewegen sollte. Man würde es heute das Einer-System nennen.

Aus einer Zig-Zag Linie wurde mit der Zeit zwei Zig-Zag Linien: fünf hinten und fünf vorne. Ein Zweier System. Oft mit einem Libero. Dieses System war lange Zeit, ungefähr 50 Jahre, in vogue.

Ich spielte 1945, nach Kriegsende (der dünnen Beine wegen, weil es während des Krieges nichts zu essen gab), Libero in der 1. Knabenmannschaft bei Union 03 Altona, ein Klub, den es, des Geldes wegen, nicht mehr gibt. Seeler, Stürmer und Dörfel, gleich alt, waren die Hauptgegenspieler beim HSV. Pass auf den kleinen Dicken auf, riet mir unser Trainer, Herr Schwartau, das ist ihr Tormacher. Später, als wir zu ersten Jugend aufstiegen, machten die Jugendspieler oft Vorspiele, wenn die Liga Mannschaft spielte. Ich erinnere mich noch an ein Spiel HSV gegen Göttingen, im ausverkauften Stadion am Rothenbaum. Meine Aufgabe als Libero  war es den Dicken zu decken. Er schoss trotzdem zwei Tore, die er mit dem Kopf erzielte, indem er sich flach über den Boden warf. Ich hätte ihm leicht ins Gesicht treten können.

Aus zwei Zig-Zag Linien wurden mit der Zeit drei Zig-Zag Linien, das gegenwärtige System. Nur überließ man das Zig-Zag Muster nicht dem Zufall, sondern man schrieb es auf. Daraus entstanden Positionsbeschreibungen. Plötzlich wurde die Taktik kompliziert. Jeder Spieler hatte sein „Revier“. Das Spielfeld bestand also aus 11 Revieren. Einige englische Positionsbeschreibungen waren/sind 3 Seiten lang, pro Spieler. Die Spieler müssen sie auswendig lernen und sich dementsprechend auf dem Spielfeld bewegen. So etwas nennt man ein mechanistisches System. Aus dem unbeschwerten, fröhlichen Spiel wurde also ein Mechanismus um Geld zu verdienen.

Um gut auszusehen, muss ein Spieler seine Rolle, seine Positionsbeschreibung, erfüllen. Tat er das nicht zufriedenstellend, wurde er entlassen oder verkauft und es wurden neue Spieler für die Rolle gekauft. Auf diese Weise wurde die Leichtigkeit des Spiels, und des Seins getötet. Die Theoretiker, die Denker, töteten das Spiel, durch profitorientiertes Denken, indem sie dem Spiel einen mechanistischen Stempel aufdrückten. Aber Mechanismus hat gegenüber dem Organismus über Dauer keine Chance. Um aus dem Fußball wieder ein Spiel, ein Schauspiel, eine Performance zu machen, dürfen wir nicht auf die theoretischen Denker hören, wenn es sie denn noch gibt, sondern sollten sie ins Abseits schicken, vom Platz stellen, für dumm verkaufen.

Starke Worte? Ohne Zweifel. Aber wie der Organisations- Psychologe Kurt Lewin schon vor vielen Jahren herausfand, wenn man Veränderungen erfolgreich umsetzen will, muss man zuerst Unzufriedenheit mit dem Gegenwärtigen herbeiführen, damit überhaupt jemand zuhört. 

Die organische Taktik kam mir wie ein Blitz in den Kopf. Hier ist sie in einem Satz:

Jeder Spieler steht zu jeder Zeit optimal zum Spiel.

Hier ist eine Erläuterung zur Kurzfassung:

Beim Angriff steht ein Spieler entweder in Torschussposition,
oder er steht so, dass er Steilvorlagen geben kann, die zum Torschuss führen;
außerdem behält er lauernde gegnerische Stürmer im Auge.

Beim Verteidigen steht ein  Spieler so, dass er erstens Torschüsse
verhindert, und zweitens nach Ballbesitz strebt;
außerdem überlegt er sich, wie er den nächsten Angriff einfädeln kann.

Taktik ist die Kunst der Anordnung, der Aufstellung.  Man überlegt, wie man am besten zum Erfolg kommen kann. Taktik ist also eine Vorgehensweise.

Und was bedeutet „organisch“?  Etwas, dass sich auf natürliche Weise entwickelt. Organisches wird also nicht künstlich produziert, wie die Dreiertaktik oder wie Spieler Positionen. Etwas Organisches ist ein regelloses Ganzes, voneinander abhängigen, sich natürlich entfaltenden Teilen. Eine organische Taktik ist ein natürlicher, optimaler Weg, um die Ziele des Spiels, selbst Tore zu schießen und dem Gegner am Torschuss zu hindern.

Eine organische Taktik hat eine sich laufend auf natürliche Weise verändernde Struktur, die so organisiert ist, dass alle Spieler an einem Strang ziehen, also ein Ziel verfolgen, das sie nur durch geschicktes Zusammenspiel und Teamgeist erreichen können.

Denken Sie an Microsoft, Google, Yahoo, Apple und an viele andere organischen Firmen, die, basiert auf einer Vision, natürliche Vorgehensweisen entwarfen, um ans Ziel zu kommen. Bill Gates, z.B. heuerte verschiedene Gruppen von Spezialisten an, setzte jeder Gruppe ein Ziel, ließ sie oft für Monate irgendwo, zu irgendeiner Zeit zusammen arbeiten, brachte die Gruppen dann zusammen, und achtete darauf, dass alle Gruppen auf ein gemeinsames Ziel hin arbeiteten.

Die organische Taktik ersetzt die Dreier Taktik (z.B. 4-3-3)
und das Positionsspiel („Du spielst hinten links“).

Ist die Powertaktik fein ausgeklügelt, und wird sie von allen Spielern verinnerlicht, d.h., ist sie, durch Training im Seminarraum, erst einmal im Unbewusstsein fest verankert, bewirkt sie Wunder, denn sie ist flüssig wie Wasser, unberechenbar und immer anders. 

Die gegenwärtige Dreier-Taktik, die aus der Zweier-Taktik hervorging,
welche sich wiederum aus der Zickzacklinie entwickelte, die ihrerseits
aus dem anfänglichen Knäuel wuchs,  ist unvorteilhaft, spielhindernd,
veraltet und daher passe. Nach mehr als 50 Jahren, hat sie ihre Schuldigkeit
getan und wird von einsichtigen Trainern durch die organische Powertaktik abgelöst.

So sollten Angriff und Verteidigung strukturiert sein: als ein Gefüge von Spielern, das sich je nach Begebenheit – Angriff oder Verteidigung – auf natürliche Weise bestmöglichst, optimal entfaltet.  Eine Angriffsorganisation ist daher eine sich laufend verändernde Anordnung von Spielern, mit dem Doppelziel Tore zu schießen und Gegentore zu verhindern.

Ohne Regeln

Ein organischer Angriff fließt auf natürliche Weise. Jeder Spieler bewegt sich dorthin, wo er optimal zum Spiel  steht. Er steht also immer woanders – einmal vorn, einmal hinten, einmal links, einmal rechts – aber immer richtig zum momentanen Spiel. Jeder Spieler ist daher immer in Bewegung und versucht sich dort zu positionieren, wo er, im Großen und Ganzen gesehen, stehen sollte, um einen Angriff (oder eine Verteidigung) so effektiv wie möglich zu machen.

Alle orientieren sich am übergeordneten Ziel
(Tore zu schießen oder zu verhindern),
und alle ordnen sich diesem Ziel, dem eigentlichen Sinn des Fußballs, unter.

Wie lehrt/lernt man die organische Taktik?

Taktik ist Kopfsache. Sie wird daher im Seminarraum geübt, nicht auf dem Spielfeld. Es gibt mehrere Methoden. Da ist die Magnettafel, die Fußballplatte (ähnlich wie eine Tischtennisplatte), die Schultafel, ein Stückchen Papier (siehe Spielplan, unten), oder das i-pad.

Das i-pad wäre ideal, gäbe es eine geeignete, auf den Powerfußball abgestimmt Software. Aber die kann noch kommen, denn es gibt weltweit genug Software Entwickler. Ein Stück Papier (siehe unten) genügt. So hat jeder Spieler den Überblick „in der Hand“. Er kann es mitnehmen, und allein oder in kleinen Gruppen üben. Am besten ist es, wenn der Trainer die Spieler bittet (nach etwas Übung), selbst typische Formationen von 22 Spielern aufzuzeichnen, die z.B. aus der Luft aufgenommen wurden. Die Spieler sollten Kopien für alle Spieler machen so dass jeder Spieler auf „seinem“ Blatt Notizen machen kann. Farbstifte helfen. Jeder Spieler sollte außerdem einen Ordner haben, in dem er die taktischen Varianten aufbewahrt, so dass er sie immer wieder durcharbeiten kann.

Nehmen wir einmal an, jeder Spieler hat eine Kopie der Spieler Platzierungen des unten des unten gezeigten Blattes. Der Trainer sollte anfänglich die Fragen stellen. Später werden sie von den Spielern kommen.

  • Ihr seid S (Schwarz) 06. Wohin würdet ihr den Ball spielen? Warum? Gibt es andere Möglichkeiten? Wie hart sollte der Pass geschlagen werden? Wie genau sollte er in den Lauf des Mitspielers gepasst werden? Stimmen wir alle überein? Zeichnet den Pass auf.
  • Ihr seid jetzt S10. S10 erwartet den Ball. Wie sollte er sich verhalten? Wie kann er sich von R03 lösen?
  • Ihr seid R03. Wie solltet ihr euch verhalten? Wie kann Rot einen Torschuss verhindern? Nehmen wir an, ihr spitzelt den Ball von S10 weg. Wohin solltet ihr ihn passen? Warum?  Was ist der optimale Weg?
  • Wenn R05 den Ball von R03 erhält, an wen sollte er ihn direkt weiterleiten? Warum? Ist das die beste Möglichkeit? Welche Alternativen gibt es?
  • Der Pass misslingt. B08 fängt den Ball ab. Was soll B08 machen? Warum?
  • R09 erhält den Ball. Wie sollten sich B04, B05, B03 und B02 bewegen?  Es ist eine 4 gegen 4 Situation. Wie können die B Spieler einen Torschuss verhindern?
  • Wie können R09, R08, R10 und R11 zum Torschuss kommen? Was ist der optimale Pfad?
  • „Warum stehst Du wo Du stehst?“  „Weil ich den Ball so steil weitergeben kann.“
  • „Warum hast Du den Ball nicht steil auf Blau 09 zugespielt? Er hätte doch eine gute Torschussmöglichkeit.“  „Weil Blau 08 besser steht.  Ein Pass auf ihn basiert auf einer höheren Wahrscheinlichkeit, dass der Ball im Tor landet.“
  • „Warum spielst Du den Ball zu Rot 05?“  „Weil ich vorn keine Anspielmöglichkeiten sehe. Wenn Rot 05 den Ball bekommt, ergeben sich Möglichkeiten.“
  • „Warum rückst Du nicht mehr auf?“  „Weil ich zwei Gegner abdecken muss. Wenn der Gegner den Ball bekommen sollte, dürfen sie nicht zum Torschuss kommen.
  • „Warum stehst Du so dicht beim gegnerischen Verteidiger?“ „Weil ich schneller bin als er. Sollte ich einen Steilpass bekommen, habe ich eine gute Torschussmöglichkeit.

Usw. Täglich für 1 bis 1 ½ Stunden. Fünf Tage die Woche. Monat für Monat. Jahr für Jahr. Bis jedes Gehirn nach einer Weile (einem halben Jahr) automatisch die beste Route für einen Pass oder Schuss blitzschnell erkennt und auf dem Spielfeld dementsprechend handelt.

Wenn sich alle Spieler geeinigt haben, wie vorzugehen ist, sollten sie die Aktion auf ihrem Blatt Papier eintragen. Wenn das Seminar zu Ende ist, sollten Sie die verschiedenen maximalen Möglichkeiten so aufgezeichnet und vervielfältigt haben, dass jeder Spieler sie in Ruhe, allein, immer wieder durchspielen kann.

So gewinnen Spieler mit der Zeit ein Auge für taktische Situationen. Was im Seminarraum geübt wird, kann relativ leicht auf das Spielfeld übertragen werden. Die Spieler lernen, anders zu „sehen“, nicht bloß zu beobachten und abzuwarten. Sie bewegen sich nach einer Weile „richtig“ – wo immer

sie auf dem Spielfeld stehen – um sich entweder zum Pass oder zum Torschuss anzubieten, oder um Tore zu verhindern.

Die Liste der Fragen und Antworten der Spieler wird am Anfang endlos sein. Mit der Zeit werden weniger Fragen gestellt, weil weniger Fehler gemacht werden, und weil die Spieler es lernen, gute Spielzüge sofort zu erkennen. Auch kommen die Antworten und Begründungen schneller. Nach drei bis vier Jahren gibt es keine Fragen mehr. Denn jeder weiß die Antworten. Sie kennen die organische Taktik, alle Aspekte der Taktik. Aus Spielern werden Taktiker.


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