Das menschliche Gehirn
Implikationen für den Fußball

 

Der Nobelpreisträger für Gehirnforschung, Eric Kandel, hat festgestellt, dass unser Gehirn aus ungefähr 200 Milliarden Zellen besteht und dass die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Gehirne gleich sind, gleich null ist. Jedes menschliche Gehirn ist also nicht nur anders vom nächsten, sonder auch komplizierter als das Universum, in dem wir leben!

Was bedeutet das? Dass, wenn Sie etwas zu den Spielern sagen, jeder Spieler das Gesagte anders versteht. In anderen Worten, was Sie sagen, wird von den Spielern sehr unterschiedlich aufgenommen und gespeichert. Kein einziger Spieler versteht Ihre Message – und handelt dementsprechend – wie Sie es sich in Ihrem Gehirn erdachten und beabsichtigten.

Dazu kommen noch Sprachschwierigkeiten. In Ihrer Mannschaft kommen die Spieler sicherlich auch aus verschiedenen Ländern. Das erschwert eine fließende Kommunikation noch mehr.

Gehen wir einmal vom Fußball zum Boxsport, um das Problem deutlicher zu machen. Wenn Sie als Trainer sagen: „Hör zu, mein Junge. Wenn du dich verteidigst, hebst du beide Fäuste vors Gesicht. Verstanden?“ machen Sie einen Kardinalfehler, denn jeder Mensch verteidigt sich auf seine persönliche, natürliche Weise. Einer (z.B.,Ali) beugt sich von der Hüfte aus zurück, um Schläge abzuwehren. Der nächste weicht ganz zurück. Ein Dritter blockt Schläge mit der linken Faust ab. Der andere mit der rechten. Ein Vierter spielt „Pieke-Buh“ und versteckt sich hinter beiden Fäusten. Usw.

Mit dem Lernen ist es das Gleiche. Keine zwei Menschen lernen auf gleiche Art und Weise. Die Lernvorgänge im Gehirn sind total unterschiedlich. Unser Schul, Berufsschul- und Uni-System wird sich eventuell dramatisch verändern. Auch die Medizin muss sich verändern, da kein Medikament und keine Heilungsweise bei allen Menschen anschlägt. Es wird also keine Universalpillen und keine Standardoperationen mehr geben.

Kann man Gelerntes löschen?

Dazu gibt es noch eine Komplikation. Wenn man etwas gelernt hat, lässt sich das Gelernte schlecht verlernen, besser gesagt, löschen. Wenn Ihre Spieler also über Jahre gelernt haben, den Ball erst anzunehmen, bevor sie ihn weitergeben, können Sie dieses Gehirnmuster nicht leicht wieder löschen um, sagen wir, one-touch Pässe auszuführen. Anders ausgedrückt, wenn Sie als Kind in der Nase gepult haben, werden Sie es als Erwachsener auch tun (natürlich nur, wenn Sie allein sind und sich unbeaufsichtigt fühlen.)

Sie haben also einen Spielkader von 20 Spielern vor sich, die aus aller Welt kommen, in dem jeder Spieler das Fußballspielen anders gelernt hat. Was könnten Sie tun, um aus dieser Vielfältigkeit eine Einheit zu schaffen? Das ist die Schlüsselfrage für einen Fußballtrainer.

Mitgehen

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Ich sehe nur eine Lösung: zu fragen, anstatt zu sagen. Wenn Sie zu den Spielern sagen: „Von jetzt ab nimmt ihr den Ball nicht mehr an, sondern spielt ihn im One-touch weiter“, wenn Sie also auf autokratische Weise vorgehen, werden Sie nicht erfolgreich sein, denn was Sie sagen, passt einfach nicht in das bestehende Gehirnmuster Ihrer Spieler. Bekommt der Spieler den Ball zugespielt, ist er verwirrt. „Nehme den Ball an“ (altes tief eingebranntes Muster) gegenüber „Leite den Ball im one-touch weiter“ (neues bisher zufällig organisiertes, also noch nicht eingebranntes, Muster). Sie müssen das neue Muster, dass Sie Ihren Spielern im Gehirn zufügen wollen also immer und immer wieder üben lassen. Auf diese Weise löst sich das alte Muster allmählich auf und das neue Muster übernimmt die Aufgabe. „Immer und immer wieder“ heißt, regelmäßig und häufig.

Bisher wird im Fußball sehr wenig geübt. Wie oft im Jahr schießen Ihre Spieler im Training aufs Tor? Wie viele Pässe über sie? Vielleicht Tausend Mal? Das nenne ich Zeitvertreib, nicht Training. Spitzenleute aus der ganzen Welt, gleich auf welchem menschlichen Gebiet sie sich betätigen (Geige oder Golf spielen; ein Orchester Dirigieren; Gemälde malen; Tennis, Basketball oder Handball spielen, Singen, Theater spielen, Schauspielern, etc.), üben ihre Berufung Zigtausend oder Hunderttausende Mal, ja, sogar millionenfach aus. So ein intensives Training ist im Fußball unbekannt.

Essenz
 
Als Trainer wollen Sie alte, schlechte Gehirnmuster Ihrer Spieler durch neue, gute Muster und Vorstellungen, wie Fußball Ihrer Meinung nach gespielt werden sollte, ersetzen. Denn es ist Ihre Absicht, dass „Ihre“ Spieler so spielen, wie Sie es sich vorstellen. Stimmt das? Das bedeutet jedoch, das Sie erwarten, dass Ihre Spieler so spielen, wie Sie es früher als aktiver Spieler von ihrem damaligen Trainer gelernt haben. Da liegt der Haken. Sie müssen reflektieren und prüfen, wie gut Ihre Fußballphilosophie ist. Ist sie beweglich und fortschrittlich oder ziemlich festgefahren? Anders ausgedrückt, ist sie organisch oder mechanisch? Sind Sie bereit, sie zu verbessern? Wenn ja, wie verbessert man eine Philosophie, ein im Gehirn eingebranntes Schema? Ein delikates Thema. Ich werde versuchen, Ihnen „Bausteine“ zu präsentieren, die Sie in Ihre Philosophie mit einbauen können.

Umgekehrte Hierarchie

Sie sind der Chef oder die Chefin. Sie zeigen den Spielern, wo es lang geht. Sie haben das Sagen. Nur kann  eine autokratische Führungsweise nicht effektiv sein, wenn Sie bedenken, dass jeder von uns andere Gehirnstrukturen hat. Ihre Sichtweise passt mit Sicherheit nicht in die Gehirnstruktur Ihrer Spieler, so wie Sie es sich vorstellen. Daher sollten Sie nicht sagen, sondern fragen! Wenn Sie fragen, und die Spieler sagen, haben Sie Einfluss. Dann haben Sie plötzlich einen Kommunikationsdraht zu Ihren Spielern. Dann sagt der Spieler, nach einer Weile, wenn er Ihnen traut, was er wirklich denkt. Das ist Ihr Ansatzpunkt. Erst dann haben Sie plötzlich wirklichen Einfluss.

 Nur, mit einem Spielkader von 20 ist es unmöglich die ganze Zeit mit einzelnen Spielern zu reden. Also müssen Sie delegieren, andere Spieler die Frage stellen lassen, die Sie beantwortet haben wollen. Wie macht man das? Ich kann Ihnen hierauf eine klare Antwort geben, denn ich habe mein ganzes Leben lang so unterrichtet. Von allen Methoden und Stilen, Menschen zu führen, ist Gruppenarbeit, besonders im Fußball, die mit Abstand effektivste Methode. Was folgt, ist eine Zusammenfassung. Mehr über Gruppenarbeit finden Sie woanders auf dieser Webseite.

Bilden Sie Gruppen von 5 oder 6 Spielern, entweder aufs Geratewohl, oder basiert auf irgendwelche Gemeinsamkeiten der Spieler, oder auf natürliche Gruppen, die sich schon gebildet haben. Sie können die Gruppen jedes Mal neu formen, oder Spieler in gleichen Gruppen arbeiten lassen.

Wir reden hier also von Seminaren, die regelmäßig in angenehmen Räumlichkeiten stattfinden. Sie brauchen vier runde Tischen. Gehen Sie selbst von Gruppe zu Gruppe und setzen sich dazu. Sie sind in dem Moment also Mitglied, nicht Trainer. Sie sind eine Stimme von vielen. Sie werden erstaunt sein, wie Ihr Verhältnis zu den Spielern sich veränder wird, wenn Sie so handeln. Erst einmal lernen Sie viel von den Spielern. Zum anderen können Sie durch kluge Fragen, oder durch eigene Vorschläge, die kleine Gruppe bestens beeinflussen.

Am Ende der von Ihnen bestimmten Zeit macht jede Gruppe eine kleine Präsentation über das Thema oder Problem, das sie ausgewählt haben. Präsentationen die auf  Newsprint  aufgetragen werden sind besser als mündliche Vorträge. Ziel ist es, die vier Gruppenlösungen in eine Gesamtlösung zu vereinigen. Lassen Sie alles von den Spielern kommen. Auch Fragen und Antworten, wenn Gruppen ihre Lösungen präsentieren. Ein Erfolg mit dieser Methode ist nach einer kleinen Anlaufzeit garantiert! Zusammengefasst: Sie stellen Fragen. Die Antworten kommen von den Spielern. So haben Sie ein leichtes Leben als Coach, und die Spieler sind voll involviert und hoch motiviert.

 

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