Glücksfußball

Sie haben 1:0 gewonnen und sind überschwänglich glücklich. Das entscheidende Tor entstand aus einem Gerangel im Strafraum. Der Fernsehmoderator erhebt seine Stimme und sagt dem Verein Großes voraus. Die Fans feiern den Sieg natürlich ebenfalls als großen Erfolg und rufen „Wir werden Meister“. Das Spiel wird in den Abendnachrichten erwähnt. Die Tageszeitungen reden schon von der deutschen Meisterschaft und sehen schon einen neuen Champions League Gewinner. Dabei hätte das Spiel genau so 0:3 ausfallen können, denn der Gegner hatte ebenfalls drei klare Chancen, die aber durch Unfähigkeit der Spieler „vermasselt“ wurden.

Fast alle Ergebnisse sind eng. Karg. Gewinnen ist Glücksache. Unvermögen der Spieler ist der Hauptgrund. Sie können nicht passen und nicht schießen, die zwei wesentlichsten Fähigkeiten, die ein Profi eigentlich perfekt beherrschen sollte. Sie vergeuden ihre Trainingszeit mit dem Unwesentlichen: Waldläufe, Kraftraumtraining, Dribbelübungen, usw., die Liste ist lang.

Jahr für Jahr das Gleiche

So verbessert sich ein Verein nicht. Jahr für Jahr spielen Sie auf dem gleichen Niveau. Pokalspiele zeigen, dass der Unterschied zwischen Vollprofis und Halbprofis gering ist. Treffen die Beiden aufeinander, entscheidet die Tagesform, wer gewinnt, nicht das Können. Die Tagesform hängt wiederum vom Zufall ab. Neue Spieler und neue Trainer sind die großen Hoffnungsträger. Man erwartet, dass ein neuer Trainer gleich „einschlägt“, eine völlig überzogene Erwartung, denn in allen Organisationen, auch im Fußball, braucht „der neue Mann“ eine Anlaufszeit, um sich wenigstens zu akklimatisieren und die Spieler gut kennenzulernen, geschweige dann, den Spielern sein Wissen zu vermitteln, obwohl überall gleiche Methoden verwendet werden.

Mit neuen Spielern ist es ähnlich. Sie müssen sich schnell profilieren, hauptsächlich bei den Zuschauern. Erhalten sie oft Beifall – weil sie drei Gegenspieler umdribbeln, weil ihnen ein Querfeld Pass gelingt oder weil Sie ein Tor schießen – schütteln sie ihre Mitspieler ab, rennen zur Fankurve und lassen sich feiern. Das macht Eindruck.

Totale Einfallslosigkeit

Jeder Zuschauer kann im voraus sehen, was ein Spieler mit dem Ball machen wird. Spielt er hinten, schiebt er den Ball seinen Mitspielern zu, weil der gerade zufällig frei steht. Dieser wiederum schiebt ihn weiter auf die andere Seite, oft mit einem Pass, der so ungenau ist, dass der Mitspieler ihn nicht immer erreichen kann. Wenn das Hin und Her Geschiebe den Gegner endlich zwingt anzugreifen, wird der Ball hoch nach vorn gedroschen, begleitet von der Hoffnung, dass daraus etwas entstehen könnte.

Früher hat man die Engländer belächelt, wenn sie ein Gleiches machten: Ball nach vorn, und alle hinterher, war ihr Motto. Wir haben herablassend gelächelt. Jetzt sind die Engländer den Deutschen eine Stufe voraus, indem sie ein gekonntes one-touch Passspiel aufziehen, während wir jetzt, zwanzig Jahre später, den Ball nach vorne dreschen. Man hofft auf gegnerische Fehler, auf Fouls, auf Ecken, um so eine Standardsituation zu erzwingen. Standardsituationen, sagen die Statistiker, führen oft zu Toren. Daß Standardsituationen ein Armutszeugnis sind, dass sie nämlich bezeugen, dass man ohne sie überhaupt keine Torchancen herausspielen kann, wird übersehen.

Positionsbeschreibungen als Zwangskorsett

Der Trainer malt auf, auf welchem Teil des Feldes ein Spieler spielt und bespricht es ausführlich mit jedem Spieler. Seine Zeichnung deckt das ganze Spielfeld ab, einschließlich Überlappungen. Verlässt ein Spieler sein Revier, muss er zurückkommen oder ein Mitspieler übernimmt es zeitweilig. Da stehen sie nun, die Spieler, schön verteilt über das ganze Feld. Beim Angriff geht die Woge nach vorn, bei der Verteidigung nach hinten. Ein Korsett, das jegliche Kreativität von Anfang an unterdrückt. Eine Idee aus dem letzten Jahrhundert, dann vertretbar, heute hemmend.

Die Brasilianer spielten einst berauschenden Fußball, bevor man dort die europäische Ideen übernahm. Jetzt spielen sie, wie jeder andere Klub. Wie sollten Sie auch mit diesem aus Eisen fabrizierten Zwangskorsett kreativ spielen? So sind fast alle Spiele äußerst langweilig. Es gibt sehr selten Überraschungen. Dafür viele Zweikämpfe, da jede Position eine Gegenposition hat.

Tore sind Mangelware. Erzielte Tore sind ein treffender Maßstab eines guten Spiels. Nähme man den Spielern das Korsett ab und ließe man sie frei laufen – natürlich nach einem anderen, besser organisierten Prinzip – wäre die Torquote deutlich höher.

So ist der Powerfußball eine logische Konsequenz von dem, was kommen wird.


[Zurück zu 'Was ist PowerFußball?']