Vision gegen Kritik = 10 : 1

Der Spiegel, erdacht zur Kritik, beschäftigt sich ab und zu einmal mit dem Fußball. Man glaubt – nicht im Spiegel, sondern in der Fußballwelt – ein Spiel mit Computeranalysen bezwingen zu können, wenn man doch nur die „unbekannte Ordnung“ erkennt. Man glaubt auch, dass Erfahrung als Spieler oder Trainer Wissen bringt. Dabei ist Fußball nur ein Spiel, das nie gleich ist, weil die 2 x 11 abhängigen Varianten, die Spieler, sich mit der einen unabhängigen Variante, dem Ball, auf dem 7000 Quadratmeter großen Platz, unzählig viele mögliche Spielmuster ergeben.

Was der Mensch nicht alles glaubt. Es ist erschreckend. Es zeigt, was für kleine, kurzlebige Staubkrümel wir eigentlich sind. Wissen wir nicht, fallen wir sofort auf Glauben zurück. Dabei ist Glaube meist mehr Hoffnung als Ahnung. Ahnung ist eine irrationale Perzeption, die sich entweder aus dem objektiven Weltlichen ergibt oder aus dem subjektiven kollektiven Unbewusstsein. Aus Ahnungen entstehen Visionen. Powerfußball ist eine Vision. Sie entstand aus Langeweile mit der gegenwärtigen Spielweise.

Langweiliger Fußball

Besonders das deutsche Fußballspiel ist äußerst langweilig und total voraussehbar. Aber da wir Deutschen unser Volk nicht gut erziehen – aus Freude am Lernen, Lernen zur Geißel machen – füllen sich die Stadien dennoch. Im Land der Dichter und Denker sind Visionäre eine Rarität. Sie werden meist von den Denkern zermalmt und flüchten in die bildenden Künste oder ins Ausland. Warum wird Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten genannt? Weil eine große Anzahl der Menschen dort intuitive Anlagen haben. Möglichkeiten zu sehen ist das Metier von Intuitiven (Menschentypen). Und davon gibt es in Deutschland wenige, sehr wenige. Im Fußball gibt es fast keine.

Versuchen Sie es einmal selbst. Sehen Sie sich ein Spiel zwei-äugig an. Sehen Sie mit einem Auge, was tatsächlich vor sich geht. Sehen Sie mit dem anderen Auge, wie man es hätte besser machen können. Schreiben Sie die Ergebnisse auf. So entsteht ein Trainingsplan. Eigentlich geht es nur um vier Dinge im Fußball. Um Pässe, Torschüsse, Positionierung und Täuschung. Wollen Sie Noten? Hier sind meine Noten: Pässe: 3-: Torschüsse: 4; Positionierung: 5; Täuschung: 5. Ziemlich schlechte Noten. Aber so ist der Stand der Dinge.

Fußballspiele zu analysieren bringt nichts

Mit der Analyse ist es so eine Sache. Oft findet man, was man finden will. Wie wir das ja von den Tabak, Pharma, Umwelt, etc. Konzernen gelernt haben. Was glauben Sie, passiert, wenn Sie 100000 schlechte Spiele analysieren? Mit dem Computer natürlich, denn sonst geht das ja nicht. Dann kommen Statistiken heraus, die belegen, was ist. Z.B., so und so viele Tore wurden mit dem Kopf erzielt; Schüsse aus kurzer Distanz resultierten in mehr Tore als Schüsse aus längerer Distanz; die Mannschaft, die mehr Zweikämpfe gewinnt, gewinnt auch das Spiel; Schüssen mit der Pike geschlagen, gehen meist daneben, usw. Und dann? Noch mehr hohe Schüssen in den Strafraum in der vagen Hoffnung, dass jemand seinen Kopf hinhält und ein Tor erzielt? Heißt das Spiel nicht Fußball? Sollten wir mehr Standardsituationen erzwingen, weil Sie doch zu vielen Toren führen? Sind Standardsituationen nicht ein Armutszeugnis, dass man es „spielend“ nicht schafft? Warum müssen wir in Deutschland immer reaktiv, selten proaktiv sein?

Null mal Null ergibt Null. Analysen bringen nichts! Die Denkfunktion (denn nur Denktypen analysieren) passt nicht ins Spiel. Denktypen sind selten gute Spieler. Denken braucht Zeit und mindert die Reaktionsfähigkeit. Denken ist auf dem Fußballfeld nicht gefragt. Das heißt jedoch nicht, dass man ohne Denken gut spielen kann. Ein Oxymoron? Keinesfalls. Denn jedes Spiel, auch Fußball wird durch den Kopf gespielt. Denken geschieht im Seminarraum. Denken bezieht sich besonders auf die Taktik. Laufend müssen Spieler analysieren, wo sie in jedem Moment optimal stehen sollten. So bilden sich Denkmuster im Gehirn, Denkrillen, die dann im Spiel automatisch eingesetzt werden.

Fußballreformen in Deutschland

Sie wissen, wie es mit Reformen in Deutschland aussieht: niemand will sie. Alle habe Angst dabei zu verlieren. Keiner traut den Reformern. Keiner will Veränderungen. Das Geschäft läuft gut, stört uns nicht mit Gerede, tönt es unausgesprochen von den Vereinen. Sagt der Economist unter der Überschrift: Langsames Treppensteigen: „Es könnte Jahre dauern, bis der deutsche Fußball wieder zum Rest der Welt aufschließt – genau so wie es Jahre dauern wird, bevor deutsche Reformen das Land wieder auf die Schienen bringen wird.“ Der deutsche Trainer Rangnick denkt ähnlich; auch er hält, wegen der rückwärtsgewandten Geisteshaltung der Funktionäre, ein Aufschließen zu Europas Spitze für unwahrscheinlich. „Teilweise herrschen Zustände wie im Mittelalter“ sagt Sportwissenschaftler Gonzalez über das Training in der Fußballbundesliga. „In Europa ist alles ist vorbestimmt und programmiert“, sagt Sokrates, der ehemalige brasilianische Nationalcoach, „die Gesellschaften sind starr, wie eingegipst“. Dem stimme ich, der 40 Jahre lang in Nordamerika gelebt hat, voll zu. Nur würde ich das Wort Beton, anstatt Gips, benutzen.

So wird es auch kommen. Hier wird sich nicht viel tun. Es gibt nur einen Ausweg: die „Großen Vereine“ klein zu machen, und die kleinen Vereine groß zu machen. Gleich ob in der Stadt oder auf dem Land, kleine Gruppen von Interessenten und Mäzen könnten sich zusammentun und einen Amateurverein aufkaufen (sehen Sie bitte: Einen Amateurverein übernehmen). Die Fans folgen dem schönen und erfolgreichen Fußball. Stadien können gemietet werden. Was zählt, ist ein gutes System zu haben und einen erstklassigen Trainer (Fazilitator) zu engagieren, der den Spielern nie etwas sagt, sondern ihnen, nach Sokrates (dem griechischen Philosoph), nur Fragen stellt.

Die Schönheit des Spiels

Der Powerfußball fördert die Schönheit und Flüssigkeit des Spiels. Da das Team ein ganzes Fußballleben lang zusammen bleibt, werden sich die Spieler auf dem Spielfeld wie blind verstehen. Aus elf Gehirnen, wird eins entstehen, aus elf Herzen ein Herz. Die Spieler werden total entspannt umherlaufen, nicht zufällig, sondern nach organischen Prinzipien, die zur zweiten Natur werden. Sie werden zugleich hellwach sein, voller Konzentration, Ihr Gehirn laufend mit Daten füttern, wenn Sie so wollen, sodass sie immer richtig stehen und handeln. Die Choreografie wird einem Ballett ähnlich sein. Fußball wird so zur Kunst.

Wann? Vielleicht im Jahre 2050, und das ist eine optimistische Prognose. Denn die Denkrillen der Funktionäre sind tief eingeritzt, sie kommen da nicht heraus. Das Alte muss in Deutschland erst aussterben, bevor das Neue, der Fortschritt, eine Chance hat.


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