Organische Taktik

Jeder Spieler steht immer optimal zum Spiel,

beim Angriff steht er entweder in Torschussposition
oder so, dass er Steilvorlagen geben kann, die zum Torschuss führen;
außerdem behält er lauernde gegnerische Stürmer im Auge;

beim Verteidigen steht er so, dass er erstens Torschüsse
verhindert und zweitens nach Ballbesitz strebt;
außerdem weiß er, wie er den nächsten Angriff einfädelt.

Taktik ist die Kunst der Anordnung und Aufstellung.  Man überlegt, wie man am besten zum Erfolg kommen kann. Taktik ist also eine Vorgehensweise.

Und was bedeutet „organisch“?  Etwas, dass sich auf natürliche Weise entwickelt. Organisches ist also nicht künstlich produziert, wie die Dreiertaktik oder wie die Spieler Positionen. Etwas Organisches ist ein regelloses Ganzes mit voneinander abhängigen, sich natürlich entfaltenden Teilen. Eine organische Taktik ist ein natürlicher, optimaler Weg um die Ziele des Spiels zu erreichen: Tore zu schießen und Tore zu verhindern.

Eine organische Taktik hat eine sich laufend verändernde Struktur, die so organisiert ist, dass alle Spieler an einem Strang ziehen, also ein Ziel verfolgen, das sie nur durch geschicktes Zusammenspiel erreichen können. Die Spieler sind zwar unabhängig von einander, jedoch ebenfalls abhängig, denn keiner kann das Ziel des Spiels, Tore zu schießen, allein erreichen.

Denken Sie an Microsoft, Google, Yahoo, Apple und the vielen anderen organischen Firmen, die, basiert auf einer Vision, natürliche Vorgehensweisen nutzten, um ans Ziel zu kommen. Bill Gates, z.B. heuerte verschiedene Gruppen von Spezialisten an, setzte jeder Gruppe ein Ziel, ließ sie oft für Monate irgendwo, zu irgendeiner Zeit arbeiten, brachte diese Gruppen dann zusammen, und achtete darauf, dass alle Gruppen auf ein gemeinsames Ziel hin arbeiteten.

Die organische Taktik ersetzt die gegenwärtige Taktik (z.B. 4-3-3)
und das Positionsspiel („Du spielst hinten links“).

Ist die Powertaktik fein ausgeklügelt, und wird sie von allen Spielern tief verinnerlicht, d.h., ist sie erst einmal im Unbewusstsein fest verankert, bewirkt sie Wunder, denn sie ist flüssig, wie Wasser, unberechenbar und immer anders. 

Die gegenwärtige Dreier-Taktik (ungefähr 1950-2010) die aus der Zweier-Taktik hervorging (ungefähr 1920-1950), welche sich wiederum aus der Zickzacklinie (dem Rugby, vor 1920) entwickelte, die ihrerseits aus dem anfänglichen Knäuel
(18xx) wuchs,  ist unvorteilhaft und spielhindernd. Mit der Powertaktik
 ist sie passe, veraltet. Nach 60 Jahren hat sie ihre Schuldigkeit getan.

So sollten Angriff und Verteidigung strukturiert sein: als ein Gefüge von Spielern, das sich je nach Begebenheit – Angriff oder Verteidigung – auf natürliche Weise bestmöglich entfaltet.  Eine Angriffsorganisation ist daher eine sich laufend verändernde Anordnung von Spielern mit dem Ziel Tore zu schießen und zu verhindern.

Ohne Regeln

Ein organischer Angriff fließt auf natürliche Weise.  Jeder Spieler steht dort, wo er stehen sollte, um das Ganze (bestehend aus den eigenen 11 Spielern und den 11 Gegenspielern) zu perfektionieren.  Er steht also immer woanders – einmal vorn, einmal hinten, einmal links, einmal rechts – und immer richtig.  Er ist immer in Bewegung und versucht sich dort zu positionieren, wo er, im Großen und Ganzen gesehen, stehen sollte, um einen Angriff (oder eine Verteidigung) so effektiv wie möglich zu machen.

Alle orientieren sich am größeren Ziel (Tore zu schießen oder zu verhindern),
und alle ordnen sich diesem Ziel, dem Sinn des Fußballs, unter.

Wie lehrt/lernt man die organische Taktik?

Taktik ist Kopfsache. Sie wird daher im Seminarraum geübt, nicht auf dem Spielfeld. Es gibt mehrere Methoden. Da ist die Magnettafel, die Fußballplatte (ähnlich wie eine Tischtennisplatte), oder die Tafel.

Meiner Erfahrung nach ist ein Stück Papier, wie auf der nächsten Seite abgebildet, am besten. So hat jeder Spieler die Sache „in der Hand“. Er kann sie mitnehmen und allein oder in kleinen Gruppen üben. Am besten ist es, wenn Sie die Spieler bitten (nach etwas Übung) selbst die Platzierungen der 22 Spieler aufzuzeichnen. Sie sollte Kopien machen, so dass jeder Spieler auf „seinem“ Blatt Notizen machen kann. Farbstifte helfen. Jeder Spieler hat einen Ordner, in dem er die taktischen Varianten aufbewahrt und sie immer wieder durcharbeiten kann.

Nehmen wir einmal an, jeder Spieler hat eine Kopie der Spieler Platzierungen auf Seite 3. Stellen Sie die Fragen anfänglich:

  • Ihr seid S (Schwarz) 06. Wohin würdet ihr den Ball hin spielen? Warum? Gibt es andere Möglichkeiten? Wie hart sollte der Pass geschlagen werden? Wo genau sollte er landen? Stimmen wir alle überein? Zeichnet den Pass auf.
  • Ihr seid S10. S10 erwartet den Ball. Wie sollte er sich verhalten? Wie kann er sich von R03 lösen?
  • Ihr seid R03. Wie sollte sich R03 verhalten? Wie kann er einen Torschuss verhindern? Nehmen wir an, ihr spitzelt den Ball von S10 weg. Wohin solltet ihr ihn passen? Warum?  Was ist der optimale Weg?
  • Wenn R05 den Ball von R03 erhält, an wen sollte er ihn direkt weiterleiten? Warum? Ist das die beste Möglichkeit? Welche Alternativen gibt es?
  • Der Pass misslingt. B08 fängt den Ball ab. Was soll B08 machen? Warum?
  • R09 erhält den Ball. Wie sollten sich B04, B05, B03 und B02 bewegen?  Es ist eine 4 gegen 4 Situation. Wie können die B Spieler einen Torschuss verhindern?
  • Umgekehrt, wie können R09, R08, R10 und R11 zum Torschuss kommen? Was ist der optimale Pfad?

Usw. Täglich für 1 ½ Stunden. Fünf Tage die Woche. Monate für Monat. Jahr für Jahr. Bis jedes Gehirn nach einer Weile (einem halben Jahr) automatisch die beste Route für einen Pass oder Schuss blitzschnell erkennt und blitzschnell handelt.

Wenn sich alle Spieler geeinigt haben, wie vorzugehen ist, sollten sie die Aktion auf ihrem Blatt Papier eintragen. Wenn das Seminar zu Ende ist, sollten Sie die verschiedenen, besprochenen, maximalen Möglichkeiten aufgezeichnet haben, so dass sie diese in Ruhe allein immer wieder durchgehen können.

So gewinnen Spieler mit der Zeit ein Auge für taktische Situationen. Was im Seminarraum geübt wird, kann leicht auf das Spielfeld übertragen werden. Die Spieler lernen es anders zu „sehen“, nicht bloß zu beobachten und zu warten. Sie bewegen sich nach einer Weile „richtig“ – wo immer sie auf dem Spielfeld stehen – um zum Torschuss zu kommen und um Tore zu verhindern.

Die Liste der Fragen und Antworten der Spieler wird am Anfang endlos sein. Mit der Zeit werden weniger Fragen gestellt, weil weniger Fehler gemacht werden und weil die Spieler gute Spielzüge sofort erkennen. Auch kommen die Antworten und Begründungen schneller.  Nach drei bis vier Jahren gibt es keine Fragen mehr.  Denn jeder weiß die Antworten.  Sie kennen die organische Taktik, alle Aspekte der Taktik. Aus Spielern werden Taktiker.

Täuschung und Geheimsprache

Wenn einem der Gegner auf den Füssen steht, muss man eine Methode finden, sich geschickt von ihm trennen zu können. Sehen Sie sich diese Paare an: R02&B11, R03&B10 und R04&B09. B07 hat den Ball. Er will ihn B10 zuspielen. Die Schwarzen haben nur noch einen Verteidiger vor sich. Wie können sie ihn am besten abschütteln?

Erstens, durch Täuschung. B07 kann so tun, als ob er den Ball zwischen B11 und B10 hindurch spielt, indem er seinen Körper in diese Richtung dreht, dort hinzeigt, irgendetwas sagt, dann aber, in letzter Sekunde, den Ball rechts an R03 vorbeischiebt. Diese Täuschung bringt ungefähr eine halbe Sekunde Zeitgewinn ein, die Zeit, die der Verteidiger R03 braucht, um zu reagieren, wenn er seinen Fehler einsieht. Da alle Spieler im Powerfußball die 100 Meter in ungefähr 11 bis 12 Sekunden laufen, entspricht eine halbe Sekunde ungefähr 5 Meter. Das reicht für einen Scharfschützen, um den Ball unhaltbar in eine der vier Ecken des Tores zu knallen, natürlich auch mit Täuschung.
             
Jeder Pass und jeder Torschuss sollte mit Täuschung verbunden sein. Man guckt und deutet nach links, schießt aber nach rechts. (Mehr zur Täuschung in 14 Tagen.) Fußball und kontinuierliche Täuschung, in allen Belangen, gehören zusammen. Der Gegner muss immer überrascht sein. So verzögert sich sein Reaktionsvermögen. So ergeben sich Vorteile. Wie die Sache jetzt steht, wissen Sie selbst: fast jeder Zuschauer sieht im voraus, wo der Ball hingeschossen wird. Das darf nicht mehr vorkommen. Alle Gegenspieler, auch die Zuschauer müssen laufend überrascht werden.

Zweitens durch Geheimsprache. Sie mögen es übertrieben finden, aber eine Geheimsprache ist sehr wirksam. Jeder Spieler hat einen geheimen Namen, der nichts mit seinem richtigen Name zu tun hat, und den niemand kennt, außer die Mitspieler.  Hat also B07 den Ball und will B10 einsetzen, ruft er B10’s Geheimnamen, z.B. Yo. Zusätzlich gibt es einige wenige geheime Worte für Aktionen. Will B07 den Ball rechts an B10 vorbei spielen, dreht er sich nach links (Täuschung), ruft To (rechts), dreht sich in letzter Sekunde (oder spielt den Ball mit dem linken Fuß) und spielt nach rechts. So gewinnt B10 eine halbe Sekunde, die hilft ungehindert zum Torschuss zu kommen. Gleichzeitig, da B10 weiß, dass der Ball nach rechts geht, dreht er sich nach links, läuft ein paar Schritte in diese Richtung, dreht sich im geeigneten Moment blitzschnell um und schießt unbehindert ein. Doppeltäuschung.

Sie werden Geheimsprache und Täuschung zu schätzen wissen, wenn sie den Effekt sehen. Der Gegner wird nie wissen, woran er ist. Er kann ihre Mannschaft nie einschätzen. Das macht ihn erst nervös, dann wütend, bevor Resignation eintritt. Resigniert der Gegner, sollten Sie mit Volldampf die Chance nutzen, um noch ein paar Tore zu schießen. Entmutigen Sie den Gegner durch laufende Täuschungsmanöver und Geheimsprache, sollte die letzte Viertelstunde für drei Tore gut sein.

 

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