Anders Denken

Und was hat der gute, alte, längst tote, aber im Geist noch lebende Machiavelli, Vorbild vieler Politiker, Seilschaften, Interessengruppen, Geheimbünde, Sippschaften und mafioser Vereinigungen zum Fußball zu sagen?

„Nichts ist von der Vorbereitung her zweifelhafter und von der
Durchführung her gefährlicher als der Wille, sich zum Erneuerer
aufzuschwingen. Denn wer dies tut, hat die Nutznießer des alten
Zustandes zu Feinden, während er in den möglichen Nutznießern
 des neuen Zustandes nur halbherzige Verteidiger findet“.

Liebe Feinde & Halbherzige,

Der Machiavelli hat’s erkannt. So ist es mit dem Neuen. Keiner will es, alle sträuben sich dagegen.
Nur keine Veränderungen, es läuft doch gut, sagen die Hüter des Alten. Der Rubel rollt, die Zuschauer füllen das Stadion, der Spielermarkt floriert, alles ist bestens. Gehen Sie da einmal gegen an.

Nur hat der Erneuerer keine nimmermüden Energien und Kräfte. Es geht auch ihm die Puste aus. Im Jahre 2000 habe ich die damaligen Bundesligavereine von den USA aus angeschrieben, ob sie Interesse am Powerfußball hätten. Keiner hatte es. Jetzt haben wir 2009. Bisher keine Erfolgsstory.

Dabei sind die Methoden und Strukturen des Powerfußballs einfach, bewährt, getestet. Nicht im Fußball, aber in anderen Sportarten. Aber ich sehe schon kleine Veränderungen, hier und da. Der one-touch Pass ist zu sehen (leider nur in der eignen Hälfte und im Mittelfeld, aber immerhin, erste zaghafte Versuche).

Powerfußball ist ein komplettes System. Es fehlt nichts. An alles ist gedacht. Man muss es nur umsetzen. Da habe ich mir in den Tagen vor Weihnachten gedacht: Versuch es noch einmal. Bis zum Ende der Saison 2009. Schreib die Vereine zwei Mal im Monat an, und erkläre die wichtigsten Aspekte des Powerfußballs. Öffne die Webseite (www.powerfussball.net).

Ich hebe das Copyright hiermit auf. Also ich verzichte auf Copyright Schutz.
Jeder kann die Artikel und die Ideen kopieren, anwenden, drüber schreiben, etc.

Ich sage Ihnen: wer damit anfängt, spielt ganz oben mit. Der Powerfußball ist dem gegenwärtigen Glücksfußball in allen Aspekten überlegen. Die Anzahl der Tore wird sich mit der Fertigkeit der Spieler dramatisch erhöhen. Keine 1:0, 1:1, 2:1 Ergebnisse mehr. Die Mannschaft, die den Powerfußball richtig beherrscht schießt mindestens 5 Tore pro Spiel. Aus Spieler werden Scharfschützen. Aus dem Spiel wird eine Performance, eine Show, eine Art Ballett.

Ich hoffe, deutsche Vereine fangen an Powerfußball zu spielen. So werden sie viele Preise einheimsen. Auch die Nationalelf wird profitieren.

Ich werde in den nächsten 5 Monaten Artikel über andere wesentliche Aspekte schreiben, neben denen, die ich Ihnen schon zugesendet habe. Insbesondere über die organische Powertaktik. Sie ist der wichtigste und schwierigste Bestandteil des Powerfußballs, denn sie eliminiert das Dreier-System und den Positionsfußball. Daher werde ich ausführlich berichten, wie man am besten vom gegenwärtigen Trainingssystem zum Powerfußball Trainingssystem umschwenken kann.

Persönliches

Was folgt, wird Sie langweilen, weil es wenig mit dem Fußball zu tun hat. Es zeigt Ihnen jedoch eine andere Lebenseinstellung als Sie es gewohnt sind. Die habe ich mir in Kanada und den USA über vierzig Jahre lang erworben. Einstellungen, so scheint es mir, sind geprägt von der Größe des Landes, vom globalen Denken (denken Sie an England, enges Land, letztlich geprägt von engem Denken), Freiheit, Individualität, Gelassenheit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Das trifft besonders auf die Kanadier zu. Gleich, wo Sie sind in dem riesigen Land sind, wenn Sie  Schwierigkeiten haben, ist jemand da, der Ihnen hilft, der gerne hilft, ohne dass Sie zu fragen haben, ohne Vorbehalt, ohne Rücksicht auf sich selbst.

In den USA gewann ich eine positive Einstellung: „Can do!“ ist das Motto der Amerikaner. Wenn man sagt, die USA ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, meine man, in den USA gibt es viele Intuitive (Sehen Sie „Menschentypen“ auf der Webseite).  Intuitive sehen laufend neue Möglichkeiten. Daher wird die USA sich laufend erneuern. Auch die Finanzkrise wird daran nichts ändern. In Deutschland dagegen gibt es wenige Intuitive. Sie kommen mit ihren neuen Ideen gegen die Traditionalisten nicht an. Sie verzweifeln und wandern aus.

Das Erziehungssystem in Kanada ist erstklassig. Mehr als 56% der Bevölkerung gehen aufs College oder zur Uni. Jeder Erwachsene hat das Recht zur Uni gehen zu können, gleich, wie seine Schulnoten waren. So haben viele Kanadier drei Berufe in ihrem Leben, weil sie sich immer wieder erneuern können. So sind Sie z.B., erst Polizist, dann Rechtsanwalt, zuletzt Finanzberater. Das offene, freie Erziehungssystem hat mit dem Staat wenig zu tun. Es gibt keine Beamte im Erziehungssystem. Es ist total auf Leistung aufgebaut. Daher ist es so gut. Der Staat sammelt Steuergelder ein und gibt das Geld weiter an die Unis, Colleges und Schuldistrikte. Alle Erziehungsinitiativen kommen von den Bürgern. Alle vier Jahre wird gewählt. Die Wahlbeteiligung für den lokalen Schulaufsichtsrat ist hoch. In diesem System kann sich die persönliche Kraft und Erfindungsgabe aller Beteiligten voll entfalten. So produzieren die freien Unis mit freien Professoren im Durchschnitt fünf Mal so viel wie die Deutschen (gemessen an Veröffentlichungen in Fachjournalen und an Forschungsgeldern). Alle Programme von Schule, College und Uni sind bestens geordnet und durchdacht. Alle sind einladend. Es herrscht eine scharfe Konkurrenz zwischen und innerhalb der Schulen, Colleges und Unis.

Einen kleinen Moment noch, zügeln Sie Ihre Ungeduld, ich komme wieder auf den Fußball zurück. Im College und an der Uni wird jeder Professor (es gibt keine Dozenten, nur Assistent Professors, Associate Professors und Full Professors) für jeden Kurs und jedes Seminar bewertet. Auch Gehaltserhöhungen und Beförderungen basieren ausschließlich auf Leistung, von Peers bewertet.  Man muss durch einen langjährigen, total demokratischen Beförderunungsprozess gehen, um in der Hierarchie der Uni eine Stufe raufzuklettern. Die Qualität der Unis, der Colleges und der Schulen, nicht die Bürokraten in der Regierung, bestimmen den Fortschritt der Nation. In jeder Uni ist Forschung mit eingebaut. Kann man kein Forschungsgeld erwerben, gibt es keine Gehaltserhöhung. Aber, ein Novum, man darf nebenbei anderen Tätigkeiten nachgehen. Ein Kollege in Montreal leitete nebenbei drei Marketingfirmen, ein „high performer“; ein Anwalt hatte seine eigene Praxis. Viele sind Management Consultants. Die ganze Uni ist tief in der Gesellschaft verwurzelt. Die Unis und Colleges sind im scharfen Wettbewerb, wie viele ihrer Absolventen Jobs bekommen. Ein 89% Platzierungsrate im letzten Jahr, verkünden Sie zum Beispiel stolz.

Die Geschichte geht weiter

Ich unterrichtete u.a. im Master Programm an der Brock University, nahe den Niagara Fällen. Um ins Programm zu kommen, brauchen Kandidaten einen vierjährigen Bachelor und fünf Jahre Erfahrung in Human Ressources. Alle „Studenten“ arbeiteten also. Durchschnittsalter 30 bis 50 Jahre. 20 Teilnehmer pro Seminar. „Wir haben hohe Erwartungen“, sagten die Teilnehmer, „denn erstens haben wir 600 Dollar für diesen Kurs bezahlt und zweitens brauchen wir gezieltes Wissen um in unseren Organisationen voranzukommen.“ Meine „Studenten“, alles Manager, kamen aus der Industrie (z.B. HP, Alcan, Bombardier), der Regierung (Bund, Länder, Kommunen), Krankenhäusern (Verwaltung), Schulen und Colleges (Verwaltung), etc., eine gemischte Gruppe.

Meine Intuition lenkte mich von früh an. Die niedrigsten Kurs Bewertungen in meinem ersten Jahr Uni erhielten bekannte, alteingesessene Professoren. Warum: sie dozierten. Sie erlaubten nicht einmal Fragen. Mit dem Verlauf des Semesters leerte der Saal von Vorlesung zu Vorlesung. Kein Mensch will stumm dasitzen und jemanden zuhören. Sehen Sie, wie wir uns langsam dem Fußball nähern? Kein Spieler will dem Trainer zuhören, denn was der zusagen hat, wussten die Spieler schon als kleine Kinder. Der Fußball ist einfach. Er wurde nur „verunstaltet“, hauptsächlich durch die Taktik und Positionsfußball. Ein Spiel wurde von einem open system zu einem closed system gemacht. Sie sehen selbst: es passt nicht, es tötet das Spiel.

Ein Fazilitator wurde geboren

So wurde ich zum Fazilitator. Von Anfang an. Und ich bekam die höchsten Noten (25 Jahre Durchschnitt: 4.5, 1 = schlechte Note, 5 = Höchstnote). Nur eine Kollegin erhielt höhere Noten. Wir bekamen Freunde und befruchteten uns gegenseitig (geistig!). Sie ist z.Zt. die No. 1 in der Welt (Rockstar, sagten sie auf der letzten alljährlichen „Transformative Learning“ Konferenz in Albuquerque, New Mexico). Ihre Liste von Auszeichnungen, Artikeln, weltweiten Vorträgen und Büchern ist äußerst erstaunenswert.

Wie solltest du unterrichten, fragte ich mich, um die höchsten Noten zu bekommen, ehrgeiziger Deutscher, der ich bin. Die Antwort war einfach, jedoch so verblüffend, dass Kollegen, bis auf den Rockstar, die Art weder verstanden noch annahmen konnten.  Ich ließ alles von den Kursteilnehmern kommen. Sagen wir der Kurs hieß „Führungswesen (Leadership)“. Ich gab ihnen ein unbeschriebenes Blatt und bat sie aufzuschreiben, was sie zu lernen erhofften, im Allgemeinen und im Besonderen. Dann formte ich aufs Geratewohl Gruppen, vier Gruppen von je 5 Teilnehmern. „Als Gruppe, was erwartet ihr von diesem Kurs? Erstellt bitte eine Liste von allgemeinen und speziellen Erwartungen zusammen“. Jede Gruppe heftete ihre aufgeschriebenen Überlegungen an die Wand. Einer, gewählt von der Gruppe, erklärte die Erwartungen. Dann kam die nächste Gruppe. Sie fügte neue Erwartungen hinzu. Die vierte und letzte Gruppe hatte kaum etwas hinzuzufügen.

Als nächstes bat ich die Gruppen, zu überlegen, wie man die verschiedenen Erwartungen am besten logisch ordnen sollte, mit Datum (wir trafen uns 14 Mal, für je 3 Stunden).  Die Überlegungen der Gruppen wurden dann so zusammengefügt, dass alle Kursteilnehmer mit dem Inhalt voll übereinstimmten. Dann fragte ich die Teilnehmer, wie wir jedes Thema am besten „anpacken“ also internalisieren sollten. Lautes Geschnatter. Gute Vorschläge für jedes Thema. Ich wurde auch mit eingebunden, sie gaben mir ein Thema (von ungefähr 25). Ansonsten machten sie alles selbst, auf verschiedensten Wegen, z.B., wie man Angestellte (die meisten waren in einer Führungsrolle, daher suchten sie diesen Kurs ja aus) motivieren kann. Eine Gruppe wollte eine Gruppenpräsentation machen. Eine andere Gruppe schrieb eine Reihe von Problemen auf, die andere Gruppen zu lösen hatten, indem sie einer (von mir geschriebenen) Problemlösungsmethode folgten.

Als letztes fragte ich sie, wie wir die Arbeiten bewerten sollten. Durch Selbstbewertungen. Okay. Und wie geht das? Indem wir einen Kontrakt mit Dir (mir) machen. Wir listen auf, was wir zu machen bereit sind, um eine gewissen Note zu bekommen. Alle die ein A (eine 1) wollten, setzten sich zusammen und hämmerten eine Liste von Sachen aus, die sie zu machen bereit waren. Ich: Was passiert wenn ich mit der Qualität nicht einverstanden bin. Wir arrangieren Treffen mit Dir, am Ende des Kurses. Vielleicht müssen einige von uns dann etwas nacharbeiten. Einige wollten ein A. Andere waren mit einem D (4) zufrieden, weil sie von der Organisation gezwungen waren, den Kurs zu nehmen und die Note für sie keine Rolle spielte, so lange sie den Kurs bestanden.

Das Prinzip der Sache

Alles muss von den Kursteilnehmern/Spielern kommen. Denn jeder Mensch ist anders. Kein Einzelner (Lehrer, Trainer) darf anderen seine Meinung, seinen Willen oder sein Wissen aufdrengen. Er sollte das, was in jedem steckt, nur freilegen, bewusst machen. Dann hilft er das Freigelegte und bewusst Gemachte zu koordinieren. So schmiedet man aus 22 Gehirnen mit der Zeit ein Gehirn. Und das ist gefragt im Teamsport: Einzelspieler zu „produzieren“, die mit einem Teamgehirn spielen.

Zurück zur Geschichte (die kein Märchen ist!). Ich selbst, der verantwortliche Professor, war mitten drin im Lernprozess, verhielt mich aber wie ein Mitstudent. Was ich zu sagen hatte, sagte ich in Form von kleinen Zwischenbemerkungen, die nicht nur positiv, sondern auch herausfordernd waren. Es sei denn, die Teilnehmer baten mich, eine Sache, die ihnen nicht klar war, zu erklären. Je länger sie vorher damit erfolglos verbracht hatten eine Sache zu verstehen und anzuwenden, desto genauer hörten sie dann zu. Kaum hatten sie das Thema verstanden, machten sie ihre Sache weiter und ignorierten mich. Da ich fast ausschließlich in kleinen Gruppen von 5 bis 6 (die ideale Nummer für Gruppenarbeit) arbeitete, und da jede Gruppe sich irgendwo in der Universität aufhielt, schlenderte ich oft durch die am Spätabend fast leeren Hallen alter ehrwürdiger Unis, um die Zeit zu vertreiben. Meine Anwesenheit war nicht gefragt. Mitunter setzte ich mich zu einer Gruppe, aber ich bemerkte, wann sie mich los sein wollten.  Es ist ein seltsames Gefühl, nichts zu sagen und bewusst den Mund zu halten, wenn man doch die Verantwortung für das Lernen trägt.

So verlief der Kurs überaus betriebsam. Alle waren aufs Höchste motiviert, denn sie konnten Gelerntes bei der Arbeit anwenden, oft gleich am nächsten Morgen. Einige hatten durch diese Methode einen großen Impakt auf ihre Organisation und wurden befördert oder bekamen einen nicht erwarteten Gehaltsbonus. Jahre, nachdem ein Kurs beendet war, wurden Treffen von den „Studenten“ organisiert „damit man sich noch einmal wieder sieht“. Die Gruppen wurden so eng, dass Verheiratete Schwierigkeiten mit ihren Ehepartner bekamen, denn einige Gruppen trafen sich regelmäßig nach der dem Kurs (nach 21 Uhr) und hatten oft einen weiten Weg (bis zu 150 km), um nach Hause zu kommen.

So wurden unsere Seminare zu einem berauschenden Ereignis, auch für mich. Selten, dass einer fehlte, denn die Kurse wirkten wie eine Droge. Sie kamen müde von der Arbeit. Aber nach nur fünf Minuten ging es gleich wieder hoch her, denn jeder wollte erzählen, was passierte, als er oder sie dies oder jenes Gelernte bei der Arbeit anwendete. Auch ich war beflügelt, erfuhr jedes Mal ein High und wundertet mich, dass man mich für so eine erfreuliche Tätigkeit so gut bezahlte.

In anderen Worten, diese Art des Lernens, transformatives Lernen (TL) genannt, ist höchst effektiv. Die „Studenten“ in diesen Kursen gaben (und lernten) ungefähr drei Mal so viel wie in anderen Kursen. Und das Lernen „saß“, da es personifiziert wurde. Meine Kollegin erhält zahlreiche Anfragen (z.b. von der American Medical Association, der US Army, von Universitäten (sie unterrichtet on-line an der Columbia University, New York und der Pennsylvania State University (Penn State), der University of New Brunswick, und der Antigonish Universität in Nova Scotia, alles zur gleichen Zeit., um Kurse und Workshops zu geben. Anfragen kommen auch aus Japan, China, Australien, Süd Afrika. She is a busy lady. Genug.

Das Thema in zwei Wochen  heißt: Die organische Taktik des Powerfußballs.

Ihr Erneuerer,
                                                                             R K

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